Arnulf Rainer

APA/HANS KLAUS TECHT

"Bluten" von Andrea Drumbl

"Das Sichtbare wird unsichtbar gemacht, um sichtbar zu werden", sagt Andrea Drumbl über das Werk des österreichischen Künstlers Arnulf Rainer, der am 8. Dezember 90 Jahre alt wird. "Man schaut sie an, die Übermalung, schaut in sie wie in einen Spiegel, in dem man sich mehrfach gespiegelt sieht mit diesen hunderttausend verschiedenen Spiegelbildern." In ihrem Text lässt Drumbl eine Frau namens Rosi vor einem Bild des Künstlers stehen. Dabei fließt Rosis Geschichte ins Bild und wieder heraus. Der Text ist ein Fortschreiben, das sich in der Literatur desselben Verfahrens bedient wie die "Übermalungen" Arnulf Rainers in der Bildenden Kunst. Die Ö1 Erstveröffentlichungsreihe "Kunstgeschichten" widmet sich dem Kunstblick von Autorinnen und Autoren. Redaktion: Michaela Monschein und Edith-Ulla Gasser.

Arnulf Rainer übermalt. Die Übermalung verstört den Betrachter. Schicht über Schicht, bis nur noch das Innerste sichtbar ist, das Lebenserhaltende, das Blutende, das einem keine Ruhe mehr lässt. Übermalen, um zu enthüllen. Trotzdem verbirgt sich das Übermalte unter der Oberfläche. Nicht nur deshalb ist Arnulf Rainers Kunst eine sehr tiefgründige.

Durch Arnulf Rainers Übermalung entstehen mehrere Sinnesebenen, mehrere Bildebenen, und jede Übermalung ist in ihrem kurzen Aufleuchten und wieder Erlöschen einer Sternschnuppe gleich, ist Leben und Tod.

Arnulf Rainer ist ein österreichischer Künstler, Arnulf Rainer ist ein österreichischer Ausnahmekünstler. Österreich ist ein Schmutzland mit schmutziger Politik, und der österreichische Zustand ist zudem auch noch ein durch und durch katholischer. Arnulf Rainer ist jemand, der diesen österreichischen Zustand anschaulich macht, ihn übermalt und auf diese Weise wieder anschaulich macht. Das Sichtbare wird unsichtbar gemacht, um sichtbar zu werden. Man schaut sie an, die Übermalung von Arnulf Rainer, schaut in sie wie in einen Spiegel, in dem man sich mehrfach gespiegelt sieht mit diesen hunderttausend verschiedenen Spiegelbildern, von denen jede eine andere ist. Hunderttausend verschiedene Spiegelbilder, die alle in ihrer Darstellung von den anderen abweichen und sich auf diese Weise doch wieder ergänzen. Überspiegelungen, Übermalungen, Überschreibungen.

Andrea Drumbl

PRIVAT

Andrea Drumbl, 1976 in Osttirol geboren und in Kärnten aufgewachsen, lebt seit 2014 mit ihrem Mann und ihren beiden Kindern in Linz. Sie erhielt verschiedene Auszeichnungen und Literaturstipendien, unter anderem das Projektstipendium für Literatur 2018/19 und den Theodor-Körner-Preis 2019. Zuletzt erschien von ihr der Roman "Die Einverleibten".

Wann habe ich begonnen, Arnulf Rainers "Rote Übermalung" im Kopf zu übermalen? Mit einem Wort, mit einem Satz, mit einem unendlichen Gedanken? Oder mit zwei. Zwei Wörter, zwei Sätze, zwei Gedanken. Zwei Unendlichkeiten …

Ich habe Arnulf Rainers "Rote Übermalung" zum ersten Mal an einem Sonntag in einem österreichischen Museum gesehen. Vor dem Bild ist eine junge Frau gestanden. Ich nenne sie Rosi, weil sie wie eine Rosi aussah, fremd und rosig. Rosi ging gerne ins Museum, vor allem an Sonntagen, denn Sonntage waren für Rosi grün und rochen nach Frieden. Der Frieden roch nach Minze und Zwieback. Manchmal mischten sich auch noch andere Farben und Gerüche darunter, ab und zu sogar Lieder. Sonntage enttäuschten Rosi nie.

Montage schon, denn die folgten auf Sonntage und brachten Unruhe mit. Montage waren schwarz und schmeckten nach Kot und Urin. So wie Donnerstage. Latrinentage. An diesen Tagen hing der Kriegsgeruch in der Luft, totenbleich und feindselig blickte er Rosi an, der Donnerstag. Der Mittwoch war sein heimtückischer Verbündeter. Samstage hingegen waren versöhnliche Tage, teilnahmsvoll und herzlich schlossen sie an Freitage an, denn diese waren ja die Nachkriegstage. Sie waren braun und hatten Hautunebenheiten. Einzig Dienstage waren Ruhetage, Dienstage waren immer schon Ruhetage gewesen. An Dienstagen stand die Zeit still, und hätte es Rosi, als ich sie vor Arnulf Rainers "Roter Übermalung" stehen sah, nicht besser gewusst, hätte sie gesagt, es sind Tage aus Glas: durchsichtig, zerbrechlich und dünn.

Am schönsten fand Rosi jedoch die Sonntage. Sonntage waren Hochzeitstage, Brauttage. Sonntage waren Liebeslieder, die keiner sang. Rosi hatte an einem Sonntag geheiratet. Es war ein heißer Sommertag. Julimitte. An diesem Tag war es so heiß, dass selbst die Vögel keine Luft zum Singen mehr hatten. Rosi heiratete nicht in Weiß, sie heiratete in einem rostroten Kleid mit goldenen Plättchen um den Halsausschnitt und an der Brust. Auf dem Kopf trug sie einen Haarreifen aus Seidelbast über einen rötlich schimmernden Brautschleier. Den Mund hatte sie sich rot angestrichen, und ihre Hände zierten ebenfalls rostrote Handschuhe aus Satin. Sie war die Braut, und sie war eine sehr schöne Braut, vielleicht war sie die schönste Braut überhaupt. Schwere Musik füllte das Kirchenschiff, in dem die Hochzeitsleute saßen und in die Hände klatschten. Doch als Rosi mit dem Bräutigam zum Traualtar ging, beinahe hin schwebte, fiel ihr der Schleier plötzlich aus dem Haar mitten ins Gesicht. Sie verlor das Gleichgewicht und suchte nach der Hand des Bräutigams und hielt plötzlich einen Fisch zwischen ihren Fingern. Er fühlte sich kalt und glitschig an, doch entglitt er ihr nicht, sondern schmiegte sich in ihre Hand und wurde allmählich eins mit ihr. Fischhand unter Brauthandschuh. Und alles floss und zerrann wie Farbe.

Seraphine Rastl

GERHARD BAUER

Seraphine Rastl wurde 1974 in Wien geboren, studierte an der Kunst-Uni in Graz Schauspiel und ging dann für zehn Jahre nach Deutschland, wo sie in unterschiedlichen Ensembles spielte. In Österreich war sie in Wien, Graz und Klagenfurt engagiert. Sie stand in Filmen und Fernsehproduktionen u.a. von Julian Pölsler oder Marie Kreutzer vor der Kamera.

Ich habe Arnulf Rainers "Rote Übermalung" an einem Sonntag in einem österreichischen Museum gesehen. Wie eine Sternschnuppe. Auch Rosi, die ich vor dem Bild stehen sah, war wie eine Sternschnuppe. Was sich wohl eine Sternschnuppe wünschte, so kurz vor ihrem Tod?

Rosi war acht Jahre alt, als sie mit einem Seil zum Mond flog und sich dort in die Nacht hängte, genau dort, wo die Einkerbung zwischen den Sternzacken war. Das machte sie öfters, denn so waren plötzlich alle Sorgen einen Himmel weit entfernt, und jeder Wunsch, den sie dachte, fiel als Sternschnuppe neben ihr her, obwohl ihr die Vorstellung von Sternschnuppen unheimlich war. Was war zum Beispiel, wenn eine Sternschnuppe nicht nur aufleuchtete, sondern in diesem Aufleuchten verweilte, nicht mehr erlosch, nicht mehr verglühte, nicht von der Nacht gefressen wurde, sondern gefährlich lange Sternschnuppe blieb und als solche immer näher kam, immer näher, ganz nahe und dann als Feuerball in ihrem Schädel einschlug. Zack.

Rosi mochte keine Sternschnuppen, in Wahrheit fürchtete sie sich vor ihnen wie vor einem Blitz. In Wahrheit fürchtete sie sich vor ihnen wie vor dem lieben Gott, der die Sternschnuppen machte, der die Blitze machte. In Wahrheit fürchtete sich Rosi vor fast allem, deshalb ging sie auch nicht mehr in die Schule, sondern zu Frau Hildebrant. Frau Hildebrant war die Kinderpsychologin auf der Station, die Therapeutin, denn seit Rosi nicht mehr in die Schule ging, wohnte sie auch nicht mehr zu Hause, sondern auf der Station. Vorübergehend, hatte die Mutter gesagt. Es sei nur vorübergehend. Vorübergegangen sind aber nur die beiden Putzfrauen, die die Zimmer mit ihren nassen Tüchern wischten. Sie sind vorübergegangen, auch am nächsten und übernächsten Tag. Rosi wusste, dass die Mutter am Abend wieder kommen und sie nach Hause bringen würde. Doch die Mutter kam nicht, die Mutter kam auch in der Nacht nicht, die Mutter kam erst am nächsten Tag. Da hatte Rosi bereits die halbe Nacht lang durchgeweint und geglaubt, die Mutter hätte sie vergessen.

Frau Hildebrant spielte mit Rosi Fingerpuppen, dann durfte Rosi der Wolf sein oder das Rotkäppchen oder das Krokodil und fraß alle auf. Zwischendurch malte Rosi, malte Sternschnuppen, die wie Drachen ausschauten, oder malte Vater Mutter Kind, die ebenfalls wie Drachen ausschauten. Am liebsten malte Rosi nämlich Drachen. Oder Engel auf Kreuzen. Rosi fürchtete sich aber, die Drachen und die Engel auf ihren Kreuzen gemeinsam auf ein Bild zu malen. Sie fürchtete sich davor, dass der Drache den Engel auf dem Bild zerfleischen könnte oder der Engel den Drachen, deshalb malte Rosi entweder nur Drachen oder nur Engel. Entweder oder. In dieser Dualität fühlte sich Rosi sicher.

Damals wie heute wie an jenem Sonntag in jenem österreichischen Museum, vor der "Roten Übermalung" von Arnulf Rainer stehend.

Ich habe Arnulf Rainers "Rote Übermalung" an einem Sonntag in einem österreichischen Museum gesehen und mich gefragt, ob Sie das Gefühl kennen, im Hochsommer in der Wiese zu liegen und an den Ribiseln zu riechen, die an den Stauden hängen, rund, rot, verführerisch und bereit, gepflückt zu werden? Kennen Sie das Gefühl, an den roten Beeren zu lutschen, bis sie im Mund zerplatzten? Kleine rote Explosionen auf der Zunge. Rosi kannte das Gefühl und dachte daran, als sie vor Arnulf Rainers "Roter Übermalung" stand, vor dem Bild, das in ihrem Kopf vor ihren Augen explodierte wie die Beeren im Mund, ribiselfarben, rostfarben, nicht aschen, denn die Aschebilder waren die anderen Bilder, es waren die Bilder, die Rosi verfolgten und ihr auf den Fersen waren, diese abgestorbenen, abgebrannten Bilder, die zu keiner letzten Ruhe kamen, weil sie die Hölle waren, aus der es heraus fieberte wie aus einem Gebet. So wie früher, als Rosi noch ein kleines Mädchen war, ein Kind, denn die Kindheit von Rosi war eine sehr stumme Kindheit. Geredet wurde nicht. Reden war Zeitverschwendung. Hier zählte nur die harte Landarbeit und das Einbringen der Ernte im Herbst.

Darüber hinaus wurde viel gebetet. Dann saßen die Mutter und der Vater und die Kinder um den dunkelbraunen Küchentisch und leierten ohne viel Hingabe die auswendig gelernten Gebetszeilen herunter. Gebetet wurde vor und nach den Mahlzeiten, jeden Tag. An den hohen Festtagen zu Ostern, an Weihnachten und Allerheiligen fielen die Gebete noch länger und endloser aus als sonst. Gebetet wurde auch an jedem Geburtstag und an jedem Namenstag. Und an den Sonntagen. An Sonntagen, sagte man Rosi, schaute der Herrgott noch genauer, was die Menschen taten. Und was sie nicht taten. An Sonntagen wogen die Sünden noch mehr als an anderen Tagen. Sonntage waren Herrgotttage. An einem Sonntag Geborene waren Herrgottkinder. Rosi war an einem Freitag geboren und somit kein Herrgottkind. Es gab schon lange keine Herrgottkinder mehr in der Familie. Die Herrgottkinder waren seit Generationen ausgestorben. Deshalb musste die Familie beten. Sommer wie Winter wie Herbst und im Mai. Maiandachten. Im Stall und am Feld. In alle Himmelsrichtungen. Gen Süden zogen die Gebete mit den Schwalben davon. Vor allem wurde bei der Arbeit gebetet, die Heumahdfürbitte war die gewichtigste. Gebetet wurde im Schweiße des Angesichts. Bei Tag und bei Nacht. Feldein und feldaus. Auswärts und herbsteinwärts. Am meisten am dunkelbraunen Küchentisch. Immerzu unruhige Gebete. Doch die Herrgottkinder blieben trotzdem aus.

Ich habe Arnulf Rainers "Rote Übermalung" an einem Sonntag in einem österreichischen Museum gesehen und dabei an den Sommer gedacht, denn im Sommer verdunkelte bis Mitternacht die Sonne das Licht.

Der Sommer war ein Lied, war ein Bild in rot und war der Schrei im Kindergebet. Der Sommer war ein Wort, dessen Buchstaben mit den Jahren kalt geworden sind. Der Sommer war Herbst, der Sommer war Schatten, der Sommer war Nacht. Der Sommer hatte Flügel, und es waren auch die Flügel, die Rosi, vor der "Roten Übermalung" von Arnulf Rainer stehend, in die Lüfte hoben, und es waren die Blätter, die sie wieder zurück auf die Erde brachten und mit ihr zu Boden fielen. Flügelwesen. Vielleicht gab es sie wirklich, vielleicht gab es sie körperlich, vielleicht gab es sie geschlechtlich, aber bestimmt waren sie immer zärtlich. Oder?

Die Engel, die Rosi aus der Kirche kannte, hatten auch diese Flügel und waren immer nackt. Nackte Engel, die an der Kirchenmauer saßen und Weintrauben aßen. Nackte Engel, die einem vom Steinsockel herab die Hände reichten. Nackte Engel, die einen mit diesem bedauernden Blick anschauten. Immer schauten einen die Engel in der Kirche bedauernd an, als wären die Menschen im Kirchenschiff, die sie mit diesem Blick bedauerten, nicht ganz bei Trost. Auch jetzt stand Rosi vor Arnulf Rainers "Roter Übermalung" als wäre sie nicht ganz bei Trost. Fast so wie damals, als sie, an einem Baum gelehnt, in der warmen Nacht stand, Mondnacht, Maiennacht, mit nackten Beinen und nacktem Schoß, das dünne Kleid bis unter die Brüste hochgezogen. An den Baum gelehnt und die Beine gespreizt, ließ sie den Wind zwischen ihre Beine fahren und ließ ihn zwischen ihren Beinen gewähren, ließ ihn küssen, wo sie am empfindsamsten war und ließ diese Erregung durch den ganzen Körper fahren, diesen Wind zwischen ihren Beinen, diese Lust zwischen ihren Beinen. An den Baum gelehnt und das dünne Kleid bis unter die Brust gezogen und die Nacht und den Wind und ihre Hand auf dem nackten Schoß, fing der Sturm in Rosi an, als Blitz, als Donner, als Gewitter, und doch zögerte Rosi mit jeder Berührung hinaus, was sie zum Explodieren bringen konnte, weil der Franz zu Hause auf sie wartete, weil der Franz zu Hause schon alles vorbereitet hatte für die Nacht.

Zu Hause schaute der Franz aus dem Fenster in die Nacht, schloss seine Augen und wartete. Wartete auf Rosi, die jedoch nicht kam, weil Rosi noch woanders war. Der Franz wartete so lange, bis Rosi endlich doch kam, ihn an der Hand nahm und mit ihm in die Nacht verschwand. Der Baum vor dem Haus war ihre Kulisse, die Nacht der Vorhang und sie selbst das Theater. In diesem Stück ging es wie in fast allen Stücken um die Liebe, um die große Liebe, um die einzige Liebe, um das Leben und um den Tod, und der Tod hing wie ein Galgen auf dem Baum. Doch ein Theater ohne Zuschauer und ohne Applaus war kein richtiges Theater, war ein Puppenhaus ohne Puppen ohne Haus.

Der Franz schaute die Rosi an und die Rosi den Franz. Sie schauten sich an, aber sahen sich kaum, denn die Nacht war zwischen ihnen. Der Franz holte den ersten Strick aus den Büschen und legte ihn um den dicksten Ast am Baum. Dann holte der Franz den zweiten Strick und legte ihn neben den ersten Strick, verknotete die beiden Stricke mit den Schlaufen an den herunterhängenden Enden, die einem das Genick brechen konnten, und wenn sie einem das Genick brachen, dann auch die Worte im Mund, während der Tod langsam unter die Fingernägel kroch und einem den Atem verschlug und damit auch die Sprache zerschlug. Rosi schaute zuerst den Franz an, dann die Stricke, Galgenstricke, dann nickte sie. Sie wollte es hier machen, sie wollte es mit dem Franz hier machen, und der Franz wollte es mit ihr hier machen. Sie wollten es hier treiben, aufgehängt auf diesen Stricken, baumelnd im luftleeren Raum.

Der Franz hob Rosi den Stricken entgegen, steckte ihre rechte Hand in die eine Schlaufe und die linke in die andere, dann ließ er los, vorsichtig, damit es nicht weh tat, damit das Schweben in diesen Schlaufen über dem Boden Rosi nicht weh tat, während ihre Hände umklammerten, was sie abschnürte und sie Franz unter dem dünnen Kleid zwischen ihren Beinen spürte, während ihr Körper in der Luft baumelte und die Handgelenke schmerzten und sie hier am Strick zur Erfüllung kommen wollte, zur Erfüllung, die sie dem Wind zuvor versagte, zu dieser Explosion am Galgen, die sie himmelhoch schreien ließ. Doch dann war alles doch ganz anders.

Der Franz hob Rosi nicht den Stricken entgegen, um ihren nackten Schoß zu liebkosen, sondern der Franz half Rosi auf den Baum, auf den dicksten Ast, um den die Stricke lagen. Dann kletterte der Franz selbst zu Rosi, nahm den Strick neben ihr und legte ihn ihr um den Hals, dann nahm er den anderen Strick und legte ihn sich selbst um den Hals. Langsam standen sie auf. Der Franz stand neben der Rosi auf dem dicksten Ast am Baum. Noch langsamer nahmen sie sich an der Hand, der Franz und die Rosi, und lange schauten sie sich an, schauten sich ein letztes Mal an und sahen sich doch nicht, weil die Nacht zwischen ihnen war, dieses untröstliche Schwarz, dieses unendliche Loch, das sich vor ihnen auftat wie ein blutender Mond.

Ich habe Arnulf Rainers "Rote Übermalung" an einem Sonntag in einem österreichischen Museum gesehen. Vor ihr ist Rosi gestanden, Arnulf Rainers "Rote Übermalung" wie einen Schrei betrachtend. Oder wie vierundzwanzig Schreie. Eins, zwei, drei, vier, fünf, sechs, sieben. Und so weiter. Rosi zählte mit. Arnulf Rainers "Rote Übermalung" war der Schrei zwischendurch, Arnulf Rainers "Rote Übermalung" war der Schrei zwischen Tag und Nacht, Arnulf Rainers "Rote Übermalung" war der Schrei zwischen den Jahreszeiten. Ein Schrei und vierundzwanzig Schreie. Ein Ankommen, ein Umkommen, ein Umslebenkommen, und Rosi spürte, vor Arnulf Rainers "Roter Übermalung" stehend, dieses Sterben in kleinen Stücken. La petite mort.

Vorgestern ist es gewesen. Vorgestern haben sie mir Arnulf Rainers "Rote Übermalung", die ich an einem Sonntag in einem österreichischen Museum gesehen habe, geholt. Es sind vier Engel, sieben Geißlein und der böse Wolf gewesen. Sie haben mir Arnulf Rainers "Rote Übermalung" weggenommen, die Engel, die Geißlein, der böse Wolf. Ü/ber/ma/lung, die.

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