Michael Stavaric

ORF/NIKOLAUS SCHOLZ

"Fremdes Licht" von Michael Stavaric

Eine Weltraumsaga über den letzten lebenden Menschen, die alten Mythen der Inuit auf Grönland und die Abenteuer des Polarforschers Fridtjof Nansen - diese Themen packt der Schriftsteller Michael Stavaric in seinem neuen Roman "Fremdes Licht" zwischen zwei Buchdeckel.

Elaine Duval, Jahrgang 2345, ist eine renommierte Genetikerin und nach einer Bruchlandung auf einem Eisplaneten, der letzte lebende Mensch. Strahlenförmig führt ihre Erinnerung zurück in die Vergangenheit der Menschheit; sie erinnert sich an die Machtübernahme durch die großen Konzerne, an die verheerenden Lichtkriege und an die Flucht von der Erde, die durch einen Meteor von der Größe Madagaskars zerstört wurde.

Alte und neue Mythen

Was die Endzeitstimmung aufhellt und was dieser Elaine Kraft gibt? Sie ist eine Nachfahrin der einst auf Grönland lebenden Inuit und durch ihren Großvater mit deren Wissen vertraut. Michael Stavaric: "Die Art und Weise wie die Inuit die Welt beschreiben und sehen, das fand ich sehr aufschlussreich für uns. Wie zum Beispiel Formulierungen wie ‚das Wasser, das sich im Meer wie ein Fluss bewegt‘. Allein das ist schon poetisch genug, um mich zu interessieren."

Buchvover: Schiff zwischen Eisschollen

Luchterhand

Alte Sprache mit futuristischer Schrift

Stavaric hat sich für seinen Roman nicht nur eingehend mit der Weltsicht der Inuit, sondern auch mit deren Sprache, dem Inuktitut beschäftigt. Eine Sprache, wie er keine andere kenne, sagt Stavaric. "Einerseits durch diese sehr vielen, sehr langen Wörter, die im Grunde wie Zungenbrecher sind und man nie genau weiß, wie man sie aussprechen muss. Dazu diese Schriftzeichen, die mich eher an die Computerschrift in Matrix erinnern als an irgendwelche Zeichensysteme alter Kulturen wie etwa Hieroglyphen."

Die Tagebücher des Vogelmannes

Im zweiten Teil seines Romans "Fremdes Licht“ geht Michael Stavaric zurück ins 19. Jahrhundert. Die Kapitel werden eingeleitet mit dem Bericht einer Grönlandexpedition, den Tagebucheinträgen eines ominösen Vogelmannes, der sich bald als der norwegische Forscher Fridtjof Nansen herausstellt.

Michael Stavarič: "Diese Freude, Begeisterung und Lebenskraft, die von ihm ausgeht und wie er in seinen Tagebüchern mit einer durchaus blumigen und - heute würden wir wahrscheinlich sagen -kitschigen Sprache agiert, die ich dann auch versucht habe zu imitieren und den Tonfall zu treffen, das hat mich schon berührt und auch begeistert."

Weltausstellung und Horror-Hotel

Auf seiner Expedition lernt Nansen die junge Inuit Uki kennen und nimmt sie mit zur Weltausstellung 1893 in Chicago. Das aufbruchsfreudige und zukunftsvertrauende 19. Jahrhundert spielte dort alle technologischen Stücke und der Leser kann jetzt die Erinnerungen der Elaine aus dem ersten Teil mit den Zukunftsvisionen der Menschheit aus dem zweiten Teil vergleichen. Aber halt! Wer glaubt, Stavaric vergisst bei dieser Flut an bunten Wissensanekdoten auf die Story, der irrt.

"Ich habe mir angesehen, was es drumherum um diese Weltausstellung mit all ihren wunderbaren technischen Errungenschaften gab. Ich suchte nach einem negativen Gegengewicht, nach so einer Art Moll-Ton zu dieser ganzen Aufbruchsstimmung und das war für mich dann H.H. Holmes, der zu der Zeit sein Horror-Hotel eröffnet und dort tatsächlich sehr viele Menschen ermordet hat."

Gelungener Seiltanz

Stavaric ist in seinen Büchern ja immer schon gerne durch die Welt genauso wie durch die Genres getanzt. Einen Roman mit einer Enzyklopädie des letzten lebenden Menschen auf einem Eisplaneten zu beginnen, dann nach Grönland und ins Abenteuerfach zu wechseln, um schließlich das Grande Finale in einem packenden Thriller zu feiern, ist aber dennoch ein waghalsiger Seiltanz. Umso erfreulicher, dass er rundum gelungen ist. Und dass man in "Fremdes Licht" gehörig in der Welt herumkommt, ist in Zeiten wie diesen auch ein großes Plus.

Service

Michael Stavaric, "Fremdes Licht", Luchterhand

Gestaltung

  • Wolfgang Popp

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