Dominique Meyer

APA/GEORG HOCHMUTH

Ende der Ära Dominique Meyer

Mit einem Galakonzert des Jungen Ensembles verabschiedet sich am Samstag Dominique Meyer von der Wiener Staatsoper und zieht weiter Richtung Mailänder Scala.

Kulturjournal | 26 06 2020 - Dominique Meyer im Gespräch

Sebastian Fleischer

Am 30. Juni endet der Vertrag von Dominique Meyer als Direktor der Wiener Staatsoper. Zehn Jahre lang leitete der Franzose das Haus am Ring, führte es an eine Auslastung von nahezu hundert Prozent, musste sich aber immer wieder den Vorwurf gefallen lassen, wenig Mut zum Risiko zu haben. Am 1. März übernahm Meyer die Mailänder Scala und musste damit gleich zwei große Opernhäuser durch die Coronakrise führen. Seit Anfang Juni werden auf der Staatsopern-Bühne zumindest wieder Konzerte gespielt - als krönender Abschluss kommenden Samstag ein Galakonzert des Jungen Ensembles.

Gemeint sind all jene Sängerinnen und Sänger, die Dominique Meyer an die Wiener Staatsoper geholt hat. Sie werden erstmals nach dem Lock-Down wieder vom Staatsopern-Orchester begleitet. Es ist ein Abschiedsabend: Denn mit Dominique Meyer verlässt auch ein größerer Teil des Ensembles das Haus.

Staatsoper in "gutem Zustand"

"Es ist schwierig, sich von diesen Menschen zu trennen", gesteht Meyer - gleichzeitig freue er sich aber, ab nun die Mailänder Scala zu "dirigieren". Auch diese wird mit einer Konzertreihe im Juli wiedereröffnet. Die neue Saison startet Meyer mit der Aufführung des Verdi-Requiems als Hommage an die Todesopfer der Corona-Pandemie.

Die nähere Zukunft sieht Meyer an der Scala wie auch an der Wiener Staatsoper alles andere als rosig: An beiden Häusern stellen ausländische Touristinnen und Touristen fast ein Drittel des Publikums, sie werden noch weiter ausbleiben. Der Staatsoper entgehen seit der coronabedingten Schließung jeden Tag 130.000 Euro an Einnahmen, so Meyer - dennoch werde er das Haus in gutem Zustand an seinen Nachfolger übergeben können.

"Da das Personal in Kurzarbeit war und wir weniger Ausgaben hatten, werden wir trotz allem das Jahr positiv abschließen", so Meyer. "Wir waren vor der Krise sehr gut unterwegs, hatten schon 1,3 Millionen Euro mehr Einnahmen als geplant."

"Auslastungsstreber"

Das hat man freilich auch der hohen Auslastung der Wiener Staatsoper von zuletzt über 99 Prozent zu verdanken. Immer wieder machte man Dominique Meyer allerdings den Vorwurf, zugunsten eines vollen Hauses keine Wagnisse einzugehen - wie auch bei der Auswahl der Regisseure oft keine glückliche Hand zu haben. Unmissverständlich meinte sein Nachfolger Bogdan Roščić etwa bei der Programmpräsentation für die kommende Saison, es könne für eine Institution wie die Wiener Staatsoper doch nicht darum gehen, als "Auslastungsstreber" nie unangenehm aufzufallen.

"Ich finde das absurd", entgegnet Meyer. "Ich will auch keine Polemik machen. Ich denke, man muss glücklich sein, wenn das Haus voll ist. Das ist auch ein Zeichen der Qualität."

Internen Querelen, große Momente

Denn sonst würde man dem Publikum unterstellen, keine Ahnung zu haben, argumentiert Meyer. Künstlerische Differenzen gab es aber auch intern: 2014 trat Generalmusikdirektor Franz Welser-Möst zurück. Andererseits gab es freilich auch die großen Momente in der Ära Meyer, etwa "Anna Bolena" mit Anna Netrebko und Elina Garanca oder Thomas Ades' zeitgenössisches Werk "The Tempest". Spät, aber doch initiierte Dominique Meyer eine Reihe an Uraufführungen, brachte das Genre Barockoper zurück ans Haus am Ring und etablierte ein kostenloses Streaming-Angebot, das während des Lock-Downs von über drei Millionen Menschen genutzt wurde. "Ich verstehe nicht, warum man das nicht radikal überall macht", sagt Meyer.

Und so wird auch die letzte Vorstellung, das Galakonzert am Samstag, per Livestream zu erleben sein.

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