Ausschnitt des Buchumschlags, Hans Blumenberg

SUHRKAMP VERLAG

Entlastung vom Absoluten

Dimensionen zum 100. Geburtstag des Philosophen Hans Blumenberg.

Hans Blumenberg, einer der einflussreichsten Philosophen nach dem Zweiten Weltkrieg, verstand sich als Außenseiter des akademischen Betriebs. Er bezog sich in seiner Arbeit weniger auf den Mainstream der Philosophie, sondern entfaltete schon früh ein Sensorium für das Abseitige, Periphere, für die Randgänge und Umwege des Denkens. Blumenberg verfasste mehrere umfangreiche Theorieromane, wie "Höhlenausgänge" oder "Lebenszeit und Weltzeit". Hier fand das Lesepublikum eine unüberschaubare Wissensfülle auf dem Gebiet der Philosophie, Theologie, Geschichte, Literatur und Astronomie. Blumenberg verglich seine Tätigkeit mit einer Wühlarbeit.

"Das Wühlen im Boden macht alle Sicherheit des Stehens und Gehens auf ihm dubios."
Hans Blumenberg

Der Ausgangspunkt von Blumenbergs Philosophie ist die Situation des Menschen, der sich angesichts der Unendlichkeit des Weltalls um eine sinnvolle, erfüllte Existenz bemüht. "Er ist umgeben von einem stummen Universum, das auf seine religiösen Empfindungen und seine elementaren moralischen Forderungen mit Schweigen reagiert", schrieb Blumenberg. Um nun das Schweigen erträglich zu machen, wurde in der Frühzeit der Menschheit der Mythos erfunden; er sollte zum Abbau der "absoluten Wirklichkeit" beitragen und das maßlose Entsetzen der Menschen angesichts der unheimlichen, fremden, feindlichen Realität mildern.

Entlastung in der Höhle

Ein Beispiel für die "Entlastung von der Wirklichkeit" stellt die Höhle dar. Sie bietet Sicherheit und Schutz für die Menschen; sie hat den Charakter "des Umhüllenden", "Umgebenden" und "Hegenden", sie ist eine "Stätte der Geborgenheit", in die sich die Menschen zurückziehen können, dient als "Zufluchtsort" und bietet eine Entlastung von der brutalen Wirklichkeit, die außerhalb der Höhle als anonyme Macht herrscht.

Gleichzeitig war die Höhle der Entstehungsort von Erzählungen und Geschichten. Diejenigen, die sich nicht an der Jagd und am Überlebenskampf, der außerhalb der Höhle stattfand, beteiligten, leisteten Kompensationsarbeit. Ihre Aufgabe war es, so Blumenberg, Geschichten zu erfinden und die Abenteuer derjenigen zu verklären, die für den Lebensunterhalt der Höhlenbewohner/innen sorgten. Die Höhle war also der Raum des Erzählens, Dichtens und Singens.

Buchcover

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Arbeit am Mythos

In seinem Monumentalwerk "Arbeit am Mythos" entwarf Blumenberg die Genese der mythischen Weltsicht, die darin besteht, "Wirklichkeiten, in denen wir leben" - so ein Buchtitel -, zu beschreiben. Für Blumenberg gab es mehr als nur eine Wirklichkeit, die in die Systematik einer "großen Erzählung" gezwängt wurde, wie dies bei Hegel oder Fichte erfolgte. Blumenberg plädierte vielmehr für eine Vielzahl von Erzählungen, die Facetten der gesamten europäischen Kulturgeschichte aufwiesen. Somit nahm Blumenberg ein zentrales Projekt postmoderner Philosophen wie Jean-François Lyotard vorweg, die statt der monomanen Entwürfe der Meisterdenker kleine Theorieerzählungen bevorzugten.

Trotz der Wertschätzung der Mythen plädierte Blumenberg keineswegs für eine "neue Mythologie", wie sie in der Romantik propagiert wurde. Angesichts der explosionsartigen Entwicklung der Technik und der Naturwissenschaften gab es für ihn keine Rückkehr zur mythischen Weltsicht, genauso wenig wie ein "Zurück zur Natur". Was bleibt, ist eine Trauer angesichts des Verlusts des Poetisch-Narrativen, das einer zweckrationalen Ordnung weichen musste.

Service

Rüdiger Zill, "Der absolute Leser. Hans Blumenberg - eine intellektuelle Biographie", Suhrkamp

Gestaltung

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