Marin Alsop

AFP/JUSTIN TALLIS

Das RSO Wien live mit Mahler und Henze

Marin Alsop am Pult des RSO Wien live aus dem Wiener Konzerthaus mit Hans Werner Henze: Los Caprichos, Fantasia per orchestra und Gustav Mahler: Symphonie Nr. 5.

Ein desillusionierter Schriftsteller verirrt sich im morbiden Venedig derart in seinen Fantasien rund um einen Halbwüchsigen, dass er alle Warnungen vor der grassierenden Cholera ignoriert und dieser alsbald erliegt. Thomas Mann beschrieb den alternden Gustav von Aschenbach nach einer Fotografie des Komponisten Gustav Mahler, der 1911, im Entstehungsjahr der Novelle Der Tod in Venedig, gestorben war.

60 Jahre später richtete der italienische Regisseur Luchino Visconti den Scheinwerfer wieder auf Mahler: Der Aschenbach seines Films ist nicht Literat, sondern Komponist, zudem schleichen durch die langen Einstellungen des Films die einsamen Streicherkantilenen aus Mahlers „Adagietto“, einem schmerzhaft schönen Satz der Fünften Symphonie. Visconti hatte Mahler, dessen Schaffen nach dem Zweiten Weltkrieg eine Randerscheinung war, dem Kulturleben zurückgegeben.

"Wie alle große Musik kommt auch diese aus dem Singen und Tanzen des Volks."

Verschwunden war Mahlers Musik freilich nie. Bereits 1960 hatte Theodor W. Adorno ein bahnbrechendes Mahler-Buch veröffentlicht, das bei Musikologen und Komponistinnen Furore machte. Nach dem musikalischen Rigorismus der 1950er Jahre sah man, wie modern Mahler wirklich war: seine apokalyptische Weltsicht, die Verarbeitung fremder Melodien, auch solcher, die sich keinen Deut um den Kunstanspruch des Konzertsaals scheren, das Zergliedern von Motiven, schließlich die Versöhnung von Kraft und Zerbrechlichkeit.

Und 1975, vier Jahre nach Visconti, schrieb einer, der sein Schaffen seit jeher in die Tradition Mahlers gestellt wissen wollte: „Wie alle große Musik kommt auch diese aus dem Singen und Tanzen des Volks, aber nichts wird dadurch einfach, nein, alles wird erst wirklich, und wirklich schwer. Es ist viel Trauer um Verlorenes darin, aber auch Botschaften für die Zukunft der Menschen sollen vernommen werden: Eine davon heißt Hoffnung, eine andere, an das Wesen der Musik selbst gerichtet, heißt Liebe.“

"Musik muss von Wirklichkeit verunreinigt sein."

Hans Werner Henze hatte es vor allem die Sprachlichkeit von Mahlers Musik angetan. Deren Vokabeln zwischen Volkston, Naturgeräuschen, komplexem Kontrapunkt, sentimentalen Gesängen und Kirchenliedern, kurz: zwischen Diesseits und Jenseits, wecken plastische Bilder im Zuhörer. Das schwebte auch Henze vor. Musik müsse von Wirklichkeit verunreinigt sein, müsse verstanden werden wie Sprache, proklamierte er 1972 in seinem berühmten Aufsatz Musica impura.

Chefdirigentin Marin Alsop bringt im Konzerthaus Henze und Mahler zusammen. Los Caprichos zählt zu den melodisch glühenden Werken, die Henze in den 1960er Jahren unter der Sonne Italiens schrieb, bevor sich sein Werk am Ende des Jahrzehnts politisierte – wenngleich der Bezug auf die drastischen Radierungen des spanischen Malers Francisco de Goya den ersten Schritt auf eine Brücke setzt, die zur großen musikalischen Anklageschrift Das Floß der Medusa (1968) führen sollte.

Ein einziger großer Atemzug

Mahlers Fünften Symphonie (1901/02) hätte vom ORF Radio-Symphonieorchester Wien erst im April 2021 gespielt werden sollen, wechselte aber coronabedingt mit Beethovens Neunter den Platz und rückt so an den Beginn der Saison.

Das Werk steht auch inhaltlich im Mittelpunkt seiner neun Symphonien. Es schlägt vom Trauermarsch des ersten Satzes bis zum schmetternden Choraldurchbruch im Finale jeden einzelnen Ton aus Mahlers klingendem Universum an – und kommt doch vor dem turbulenten Schlusssatz vollständig zur Ruhe. Mit dem „Adagietto“, in Mahlers Sprachlichkeit ein einziger großer Atemzug.

Text: Christoph Becher, Intendant des RSO Wien