Karl Ove Knausgard

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Knausgard und sein Debüt "Aus der Welt"

Mit seinem sechsbändigen autobiografischen Romanprojekt "Min Kamp" ist der norwegische Autor Karl Ove Knausgard weltbekannt geworden und hat einen regelrechten Knausgard-Hype ausgelöst. Schon lange wollte der Verlag auch den Debütroman aus dem Jahr 1998 auf Deutsch herausbringen. Aber der Autor hat so schnell und viel Neues geschrieben, dass das zuerst veröffentlicht werden sollte. Nun aber liegt "Aus der Welt" vor.

Mittagsjournal | 20 10 2020 | Von Tobias Wenzel

Karl Ove Knausgard spaziert über eine weite Wiese im Südosten Londons und erinnert sich daran, wie er mit Ende zwanzig seinen Debütroman "Aus der Welt" zu schreiben begann: „Das hat mich sehr erfüllt, aber auch zu einem großen Narzissten gemacht. Ich war verheiratet, hatte Freunde, und all das habe ich einfach beiseitegeschoben. Ich habe in der Nacht geschrieben und am Tag geschlafen. Für mich war das magisch, für meine Umgebung wahrscheinlich schrecklich."

"Es war unglaublich intensiv. Trinken, schreiben, unterrichten. Es war wie ein verdammter Roman."

Knausgard über seine Zeit als junger Aushilfslehrer.

"Der Missbrauch ist reine Erfindung"

"Aus der Welt" handelt vom Reiz, unreif zu sein, von der Sehnsucht nach der Kindheit und dem Versuch, sie in der Erinnerung wieder wachzurufen. Der 26-jährige Henrik ist an einen kleinen Ort im äußersten Norden Norwegens gezogen, um dort für ein Jahr als Aushilfslehrer zu arbeiten. Er verliebt sich in seine 13-jährige Schülerin Miriam. Die beiden schlafen miteinander, werden allerdings beobachtet. Uns so verlässt Henrik fluchtartig das Dorf und zieht ins südschwedische Kristiansand, an den Ort seiner Jugend, wo er ganz am Ende des Romans Miriam wiedersieht.

Auch Karl Ove Knausgard hat seine Jugend in Kristiansand verbracht. Und auch er war als junger Mann Aushilfslehrer in einem nordnorwegischen Dorf. Aber der Roman sei Fiktion und die Missbrauchsgeschichte reine Erfindung, beteuert der Autor nun. Wenn der Erzähler Henrik aber von seinem wütenden Vater, einem Alkoholiker, berichtet, speist sich diese Fiktion natürlich auch aus Knausgards Blick auf den eigenen Vater.

Buchcover

LUCHTERHAND VERLAG

Schreibblockade nach dem Debüt

Mit seinem Debütroman wollte Knausgard seinem Vater ihre eigene Beziehung vor Augen führen, erzählt er nun beim Spaziergang in London: "Mein Vater hat das Manuskript nie gelesen. Aber mein Bruder hat es gelesen und gesagt: 'Unser Vater wird dich verklagen.' Aber dann ist er gestorben, ohne es gelesen zu haben."

Deshalb konnte Knausgard seinen Durchbruch als Autor nicht genießen, hatte eine jahrelange Schreibblockade. "Aus der Welt", über 900 Seiten lang im Deutschen, ist das maßlose Debüt eines Autors, der sich alle erdenklichen literarischen Freiheiten herausnimmt. Wie die Schilderung eines sechzig Seiten langen Traums mit einer fantastischen Welt, in der Immanuel Kant nicht etwa Philosoph, sondern Arzt und Memoiren-Autor war.

Wer weiß, vielleicht wäre Knausgard heute kein so bedeutender Schriftsteller, wenn ihm sein Lektor damals nicht erlaubt hätte, sich im Debüt auszutoben, in einer Fiktion, die von Knausgards eigener Zeit als junger Aushilfslehrer in Nordnorwegen inspiriert ist: "Es war unglaublich intensiv. Trinken, schreiben, unterrichten. Es war wie ein verdammter Roman."

Service

Karl Ove Knausgard, "Aus der Welt", Roman, aus dem Norwegischen von Paul Berf, Luchterhand

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