Clemes Setz mit Bart und Hut

SUHRKAMP VERLAG/MAX ZERRAHN

Clemens Setz und die Grenzen der Sprache

Psychische Ausnahmezustände und ungewöhnliche Wahrnehmungen prägen die Romane von Clemens Setz. Jetzt hat der österreichische Schriftsteller ein Sachbuch darüber geschrieben, wie Plansprachen wie Esperanto oder Volapük unsere herkömmliche Logik aushebeln und zu unerwarteten neuen Ausdrucksformen führen können, der Titel "Die Bienen und das Unsichtbare".

Kulturjournal | 27 10 2020 | Clemens Setz im Gespräch

Wolfgang Popp

Buchumschlag

SUHRKAMP VERLAG

1887 entwarf der russische Augenarzt Ludwik Lejzer Zamenhof die bis heute mit Abstand verbreitetste Plansprache, das Esperanto. Doch obwohl im außereuropäischen Raum teils erstaunlich weit verbreitet und bei Twitter unter den Top-30-Sprachen gelistet, wird es im deutschsprachigen Raum kaum wahrgenommen.

Der Esperanto-Kanon

Esperanto führe ein unverdientes Schattendasein, so Clemens Setz, denn tatsächlich lässt sich da ein Land der Dichter und Denker entdecken: "Von der gigantischen Esperanto-Literatur, in der es eigene Avantgarden, Klassiker, Genies und Meisterwerke gibt, wurde in der gesamten Geschichte nur drei oder vier Bücher ins Deutsche übersetzt."

Die Verfolgung der Esperantisten

Schon mit seinem Wortschatz, der sich bei den romanischen, germanischen und slawischen Sprachen bedient, wollte Esperanto grenzüberschreitend sein. Was den Nationalsozialisten, aber auch Stalin ein Dorn im Auge war. Esperantisten wurden damals verfolgt und ihre Vereine aufgelöst.

"Ein damals mehrfach geäußerter absurder Grund, warum Esperanto-Vereine verboten gehören", erzählt Clemens Setz, "war, dass die Sprache derart einfach zu erlernen sei, dass jeder danach nie mehr etwas Kompliziertes erlernen könne und dadurch zu einem mangelhaften Staatsbürger zusammenschrumpft."

Sprachen gegen den Faschismus

Häufig waren es Lebenskrisen, die Menschen dazu bewegten, ihre eigenen Sprachen zu erfinden. Dem KZ-Überlebenden John Bliss war nach dem Donner der Nazi-Parolen jegliche Stimmsprache verdächtig geworden, weshalb er mit Blissymbolics eine rein schriftliche Symbolsprache erfand.

Nicht ganz so radikal war der Sprachentwurf von John Weilgart. "Das war ein Wiener", erzählt Clemens Setz, "der wegen der Nazi-Herrschaft nach Amerika fliehen musste. Der wollte mit seiner "Language of Space" (aUI) eine Sprache bauen, mit der der Faschismus und all die diktatorischen Exzesse des 20. Jahrhunderts unmöglich wären."

Strenge Sprache

Nach genauen Kategorien und in beinahe mathematischer Strenge war Weilgarts aUI aufgebaut. Zur Illustration vielleicht das Beispiel "Küssen". Das lässt sich mit "Menschen bringen ihr Innenleben miteinander in Berührung, auf räumliche Weise" umschreiben. Kein Wunder, dass kein Mensch jemals aUI lernte, und nur Weilgart allein darin seine Gedichte und Parabeln schrieb.

Innere Höhlen

Doch um Erfolg und Verbreitung der Plansprachen geht es Clemen Setz nicht. Ihn interessiert viel mehr die Frage, welche neue Formen der Wahrnehmung sie ermöglichen. So schreibt er an einer Stelle:

Tote Plansprachen erlernen leuchtet mir innere Höhlen aus, die ich kaum kenne.

"Eine von einem einzelnen Menschen konstruierte Sprache ist im Grunde", so Clemens Setz, "eine Mischung aus dessen Autobiografie und der Philosophie, die er oder sie vertritt."

Halehadihahal

"Ganz stark trifft das", so Setz weiter, "auf die Sprache Láadan von Suzette Haden Elgin zu, die darin eine feministische Philosophie und eine sehr erhellende Neologismen-Kunst betreibt."

Auch dazu ein Beispiel: Der Laadan-Begriff halehadihahal bezeichnet eine Arbeitssituation, bei der man andauernd von allen Seiten unterbrochen wird.

Denkwelten und Lebenskrise

Es wäre aber nicht Clemens Setz, wenn er es beim Präsentieren solch absurd-schöner Sprachperlen bewenden lassen würde. Wenn er an den Grenzen der Sprache kratzt, dann geht es ans Eingemachte. Und so findet Setz in "Die Bienen und das Unsichtbare" nicht nur in neue Denkwelten, sondern auch heraus aus einer persönlichen Krise.

Service

Clemens Setz, "Die Bienen und das Unsichtbare", Suhrkamp

Gestaltung

  • Wolfgang Popp

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