Kulturschaffende protestieren auf dem Janka Kupala Theater Platz.

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Weißrussland: Protest der Kunstschaffenden

Ein halbes Jahr nach Beginn der Demokratiebewegung in Weißrussland findet der Kampf gegen Präsident Lukaschenko zu einem guten Teil im Internet statt. In diesem neuen "Partisanenkampf", wie es ein Kulturwissenschaftler nennt, spielen Kunst und Kultur eine zentrale Rolle.

Im August 2020 erklärte sich Weißrusslands Langzeitherrscher Aleksander Lukaschenko zum Wahlsieger der Präsidentschaftswahl. Was folgte, war die größte Protestwelle des Landes seit Ausrufung der Republik Belarus 1991. Trotz Massenverhaftungen und mutmaßlicher Folter in den Gefängnissen hält die Demokratiebewegung bis heute an - und hat längst ihre symbolträchtigen Orte: etwa den Vorplatz des Janka-Kupala-Nationaltheaters in der Hauptstadt Minsk.

Nationaltheater gegen das Regime

Chöre - nicht nur aus dem Theater - versammelten sich hier im letzten Spätsommer und Herbst über Wochen, um singend zu protestieren. Es galt auch Solidarität mit dem Ensemble auszudrücken, das nach der Entlassung des regimekritischen Intendanten Pawel Latuschko geschlossen zurückgetreten war. Nun zeigt die Theatertruppe ihre neuen Produktionen auf YouTube - etwa von den Schauspielerinnen und Schauspielern gelesene Zeugnisse der Polizeigewalt gegen Demonstranten.

Dass das Ensemble des traditionsreichsten und ältesten Theaters Weißrusslands in Frontalopposition zur Staatsmacht gegangen ist, kommt für Insider nicht überraschend. "Das Janka-Kupala-Nationaltheater hat 2009 eine besondere Zäsur erfahren", erklärt der aus Weißrussland stammende Kulturwissenschaftler Andriej Moskwin. "Unter seinem neuen Direktor Nikolai Pinigin hat es mit der offiziellen Geschichtsauffassung gebrochen und gezeigt, dass die weißrussische Identität viel tiefer in die Vergangenheit zurückweist, als etwa von Lukaschenko behauptet." Auch aktuelle gesellschaftliche Themen kamen auf den Spielplan, und so war das Janka-Kupala-Nationaltheater schon vor den Protesten eine kritische Instanz.

Der Kampf im virtuellen Wald

Musikgruppen wie die Naviband rund um das Popduo Artjom und Xenia, die im Zuge der Proteste auf offener Straße aufgetreten sind, erklären sich nun über ihre Social-Media-Kanäle mit der Opposition solidarisch. Und neben der Literaturnobelpreisträgerin Swetlana Alexijewitsch ist es vor allem eine junge Generation an Autorinnen und Autoren, die die Proteste literarisch begleitet. Für Andriej Moskwin lassen sie die Tradition des Partisanentums wieder aufleben.

"Schon im Zweiten Weltkrieg sind die Menschen in den Wald gegangen und haben von dort aus gekämpft", erläutert der in Warschau lehrende Kulturwissenschaftler. "Das ist nun im übertragenen Sinne wieder der Fall - bis Lukaschenko eben aufgibt."

Kein Lockdown

Die raren Auftrittsmöglichkeiten der alternativen Kultur, wie etwa das bekannte Szene-Quartier OK 16 in Minsk, sind mittlerweile geschlossen - aber nicht etwa wegen der Pandemie. Denn unter Lukaschenko, der die Gefahr durch Corona beharrlich herunterspiele, hätten Geschäfte, Cafés und Theater in Weißrussland weiter geöffnet, sagt Moskwin. "Allerdings berichten mir Freunde, dass niemand hingeht, denn die Bevölkerung ist sich der Gefahr sehr wohl bewusst."

Wann die Ära Lukaschenko vorbei ist, hänge freilich auch von geopolitischen Faktoren ab, vor allem von der Entwicklung in Russland, sagt Andriej Moskwin. Eines sei aber gewiss: Durch die große Demokratiebewegung würden die Menschen in Weißrussland zusammenrücken und seien gerade dabei, erstmals in der Geschichte des Landes eine kulturelle Identität zu entwickeln.

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