MARIA SHULGA
Premiere online
Luk Percevals "Yellow" in St. Pölten
"The Sorrows of Belgium" heißt eine Theater-Trilogie, bei der sich der belgische Theatermacher Luk Perceval drei dunklen Kapiteln der belgischen Geschichte annimmt. "Black", "Yellow" und "Red" nennt er - angelehnt an die Farben der National-Flagge - die Stücke.
11. April 2021, 02:00
Die Trilogie ist eine Kooperation des NT Gent mit dem Landestheater St. Pölten, dort wurde im Vorjahr auch der erste Teil "Black" als Gastspiel gezeigt. Jetzt folgt "Yellow" bei dem sich Perceval mit der Kollaboration der Flamen mit den Nazis beschäftigt. Die Premiere findet heute Abend online statt.
Schwarz, Gelb, Rot - jede Farbe steht für ein Trauma der belgischen Geschichte. Schwarz für die belgische Kolonialherrschaft im Kongo mit ihren unvorstellbaren Gräueln und 10 Millionen Toten, Rot für die Terroranschläge in Brüssel 2016, und Gelb für die Geschichte der Kollaboration der Flamen mit den Nazis - die aktuelle Arbeit Percevals. "Das sind meiner Meinung nach drei tiefe Schocks, die dieses Land zu verarbeiten hatte", so Perceval.
"Drei tiefe Schocks, die das Land zu verarbeiten hatte", Luk Perceval
Was die Nazis versprachen …
Anhand einer durchschnittlichen flämischen Familiengeschichte der 40er Jahre erzählt Luc Perceval die Geschichte der Kollaboration mit den deutschen Besatzern. Dass die Bereitschaft sich den Deutschen anzuschließen groß war, hat seine Gründe in der Vergangenheit, so Perceval.
Die flämischen Bauernkinder, die weder lesen noch schreiben konnten, dienten schon unter Napoleon der französischsprachigen Elite als Kanonenfutter, ebenso im Ersten Weltkrieg. Die Nazis hingegen versprachen den Flamen eine bessere Behandlung und auch die Autonomie. Doch dazu kam es nicht. Nach dem Krieg waren die Kollaborateure der Rache der Bevölkerung ausgesetzt, wurden gedemütigt, in Tierkäfige gesperrt oder kahlgeschoren durch die Stadt geführt.
... nutzen die extrem Rechten heute
Bis heute hat das in vielen Familien ihre Spuren hinterlassen. "Ich würde nicht sagen, dass das jeden Tag Thema ist, aber was sehr präsent ist, ist diese Opferrolle, die die Flamen sich eigentlich dadurch zugeeignet haben und die sie mythologisiert haben. Und diese Opferrolle wird heute noch von den extrem Rechten und flämischen Nationalisten benutzt, um die Unzufriedenheit und den Fremdenhass der Bevölkerung zu schüren", so Perceval.
Weil man mit dem Landestheater St. Pölten kooperiert, wird auch der österreichische Kriegsverbrecher Otto Skorzeny, der mit dem flämischen SS-Offizier Leon Degrelle befreundet war, als Figur vorkommen. Ihn spielt Philip Leonhard Kelz - Ensemblemitglied in St. Pölten - auf deutsch und flämisch.
Den Herausforderungen der Zeit begegnet der 63-jährige Luk Perceval mit Gelassenheit und mit Yoga
MICHIEL DEVIJVER
Filmversion der Bühnenfassung
"Ich hab‘ ein Problem mit Streaming, wenn man einfach nur das Theaterstück abfilmt. Das ist dann kein Theater, aber es ist auch kein Film", sagt Perceval, der deswegen neben der Bühnenfassung eine eigene Filmversion erstellt hat, bei der mithilfe mehrerer Kameras ganz nahe an die Schauspieler herangezoomt wird. Corona sei eine Chance für die Theater, sich zu internationalisieren, neue Communitys zu erschließen und sich zu öffnen.
Corona ist eine Chance für die Theater
"Ich glaube, dass es jetzt die Möglichkeit gibt, die Leute über das Internet zu erreichen", sagt Perceval. "Die meisten Leute lesen keine Zeitung mehr und schauen auch nicht mehr fern. Die meisten schauen Netflix oder YouTube und ich denke, dass sich das Theater das zunutze machen kann, weil das Theater jetzt gezwungen ist, sich über diese Kanäle den Menschen zu nähern. Das ist ein Medium, das noch sehr frei ist, und mit dem man noch kreativ umgehen kann. Es gibt die Möglichkeit die Community zu erweitern, die sonst keinen Zugang haben zum Theater, die sich nicht angesprochen fühlen und auch noch nie dazu eingeladen wurden. Darin liegt, meiner Meinung nach, ein riesiges Potenzial."
"Drei Schwestern" und Yoga
Ganz analog arbeitet Luk Perceval in den kommenden Wochen in Warschau. Dort wird im April seine "Drei Schwestern"-Inszenierung vor Publikum gezeigt. Denn die Theater sind dort wieder mit maximal 50-przentiger Auslastung geöffnet und werden, so Perceval, förmlich gestürmt. Er selbst begegnet den Herausforderungen der Zeit mit Gelassenheit und mit Yoga, das er auch in online Kursen unterrichtet: "Zum Glück hab' ich meine Yoga-Praxis - und kann ab und zu tief durchatmen und alles in seiner Relativität sehen."
Zum Glück hab' ich mein Yoga
Service
Der Stream zu "Yellow" ist am 11. März 2021 ab 20 Uhr über die Seite des Landestheater St. Pölten abrufbar.
Luk Perceval
