Rauchender Schlot, Lenzing

APA-IMAGES/DANIEL SCHARINGER

Radiokolleg | Moment

Industriestandort Österreich

Die Industrie steht unter Druck. Globale Unsicherheiten, hohe Energiekosten und der Fachkräftemangel setzen den rund 80.000 Produktionsbetrieben mit rund einer Million Beschäftigten zu. Wie wird es mit dem traditionsreichen Industrieland Österreich weitergehen?

Bei der Lenzing AG wackeln Hunderte Jobs. Der Faserhersteller hat angekündigt, bis Ende 2027 rund 600 Stellen am Stammsitz abzubauen. Als Gründe werden die schlechte wirtschaftliche Lage und die Konkurrenz aus Asien angeführt. Der Stellenabbau bei Lenzing ist kein Einzelfall. Der deutsche Maschinenbauer Kiefel schloss Ende 2025 sein Werk in Micheldorf, wodurch 130 Arbeitsplätze verloren gingen. Der Motorradkonzern KTM meldete vor wenigen Wochen, rund 500 Beschäftigten zu kündigen, zwei Drittel davon in Österreich.

Österreichs Industrie fehlen die Aufträge - die Nachfrage ist zu gering. Ein Problem, das in der Politik angekommen ist. War das steuernde Eingreifen in wirtschaftliche Prozesse vor wenigen Jahrzehnten noch verpönt, so ist der Ruf nach aktiver Industriepolitik seit ein paar Jahren laut. Anfang des Jahres verabschiedete die Bundesregierung eine Industriestrategie, die den Weg bis 2035 vorzeichnet: Die internationale Wettbewerbsfähigkeit soll gestärkt, die Innovationskraft erhöht und das Fachkräftepotenzial ausgebaut werden. Man will die Deindustrialisierung des Landes stoppen und die Neuindustrialisierung starten.

Rauchender Schlot, Lenzing

APA-IMAGES/DANIEL SCHARINGER

Österreichs Industrie zwischen 1938 und 2026

In Österreich begann die industrielle Revolution nicht mit Dampf und Kohle, sondern mit Wasser und Mühlrädern an der Traisen und im Wiener Becken, wo die Textilindustrie ihre Standorte hatte. Etwas später wurde die Region Böhmen-Mähren-Wien zum industriellen Zentrum. Als dieses mit dem Zerfall der Monarchie aufgesplittert wurde, führte das zu einer ersten industriellen Strukturkrise.

Während der NS-Zeit wurde massiv in den Industriestandort Österreich investiert. Von der späteren Voestalpine bis zur AMAG in Ranshofen, von Steyr-Daimler-Puch bis zu der heutigen Borealis: Zahlreiche Schlüsselbetriebe der österreichischen Industrie wurden unter nationalsozialistischer Schirmherrschaft gegründet oder entscheidend ausgebaut. Nach dem Ende der Besatzung ging praktisch die gesamte Grundstoffindustrie in Staatsbesitz über - ein staatswirtschaftliches Modell, das zum Rückgrat des Wiederaufbaus und des "Wirtschaftswunders" wurde. Die Krise der Verstaatlichten in den 1980ern und die folgende Privatisierungswelle katapultierten Österreichs Wirtschaft in die Globalisierung. Und in dieser kämpft sie wie Industrien anderer Länder gegen globale Rivalen.

Ehemaliges Semperitgelände in Traiskirchen

APA-IMAGES/VIENNASLIDE

Made in Europe

Mit dem Aufstieg Chinas und Trumps "America First"- Politik wurde Industriepolitik auch zur Geopolitik. "Ein Europa, ein Markt", lautet das neue Ziel der EU-Kommission. Sie will, dass zukünftig "made in Europe" gekauft wird. Bei öffentlichen Investitionen sollen europäische Produkte bevorzugt werden können. Das Pendel schlägt in Richtung Wettbewerbsfähigkeit aus, in den Hintergrund gedrängt wird der Klimaschutz, der im Rahmen des europäischen Green Deal noch als Motor der Weiterentwicklung definiert wurde.

Hidden Champions

Lieferkettenprobleme, Energiekrise, Zölle und Krieg haben Europas und auch Österreichs Industrie zugesetzt. Dennoch greift die Erzählung von dem industriellen Niedergang zu kurz. Im Süden Österreichs setzt man auf Umwelttechnologien. Im "Green Tech Valley" arbeiten rund 300 Unternehmen gemeinsam mit 2.300 Forschenden an grünen Innovationen. Zudem gibt es viele sogenannte Hidden Champions, wie beispielsweise die Firma KNAPP, die in der Logistikautomatisierung ihre Nische gefunden hat.

Die Industrie spielte in der wirtschaftlichen Entwicklung Österreichs schon immer eine bedeutende Rolle. Eine Rolle, die sich über die Jahrzehnte immer wieder verändert hat - und die zeigt, dass Österreichs Industriegeschichte auch eine Geschichte des Wandels und der Erneuerung ist.

Text: Redaktionsteam Radiokolleg