Luca Salsi und Anna Netrebko

WIENER STAATSOPER/MICHAEL PÖHN

Die dunkle Seite der Macht

"Macbeth" an der Wiener Staatsoper

Mit Verdis "Macbeth" hat am 10. Juni die letzte von zehn Neuinszenierungen dieser Spielzeit Premiere. Die Produktion wurde erstmals 2016 in Zürich gezeigt, wo sie Regisseur Barrie Kosky großen Jubel einbrachte. Nun bringt er seine Vision einer Horror-Oper mit Anna Netrebko und Luca Salsi nach Wien. Ö1 sendet einen Mitschnitt am Samstag, den 12. Juni um 19:30 Uhr.

Gerade haben Macbeth und Banco eine entscheidende Schlacht für den König gewonnen, da bringt sie eine Weissagung der Hexen völlig aus dem Konzept: Macbeth soll neuer König, Banco Vater späterer Könige werden, lautet die Weissagung, die in Macbeth und vor allem in seiner Frau eine maßlose Machtgier weckt. Das große Morden, das Shakespeare bekanntlich folgen lässt, übersetzt Verdi facetten- und kontrastreich in Musik.

"Verdi wollte in Macbeth keine schönen Stimmen, sondern vor allem viel Expressivität", erklärt Luca Salsi. "Die Musik ist der Schlüssel zu den Figuren. Nichts ist Zufall oder Zierde. Es gibt immer einen genauen Grund, warum eine Note lang oder kurz, pianissimo oder fortissimo gespielt werden muss. Und aus all dem konstruierst du die Figur und bringst sie auf die Bühne."

Luca Salsi und Anna Netrebko

WIENER STAATSOPER/MICHAEL PÖHN

Luca Salsi und Anna Netrebko

Paarbeziehung mit Machtfetisch

Als "Oper ohne Liebe" ging das Werk in die Operngeschichte ein, das Verdi 20 Jahre nach der Uraufführung noch einmal stark überarbeitete. Und doch dreht sich alles darin um eine Liebesbeziehung, vor allem in Barrie Koskys Inszenierung, die stark auf die Protagonisten und deren Innenwelt fokussiert.

Anna Netrebko als kalte Lady Macbeth steht Luca Salsis zögerlichem Macbeth eisern gegenüber. Sie treibt ihn an, König und Konkurrenz auszulöschen, bis sie selbst an ihrer Schuld zerbricht. Netrebko und Salsi stehen seit 20 Jahren immer wieder zusammen auf der Bühne, gemeinsam mit Regisseur Barrie Kosky haben sie auch zahlreiche körperliche Aspekte der Erotik und Macht erarbeitet.

Luca Salsi: "Die Beziehung ist sehr interessant, denn am Anfang ist sie sehr stark und er sehr schwach. Aber im Lauf der Handlung drehen sich die Rollen um. Und es gibt diese starke auch erotische Komplizenschaft zwischen ihnen, die weit über ein eheliches Verhältnis hinausgeht und vor allem der Machtgier geschuldet ist."

Das große Morden als intimes Kammerspiel

So stark ihre Stimmen und die musikalische Interpretation von Generalmusikdirektor Philippe Jordan, so reduziert ist Barrie Koskys Inszenierung. Auf einer gerade einmal zwei Quadratmeter großen Spielfläche im Zentrum der Bühne bilden zwei einfache Holzstühle die Throne des machtgierigen Königspaares oder ihre Sitzplätze an der langen Tafel. Dort reifen Mordgelüste und Schuldgefühle, und dort ringeln sich 25 nackte Hexen, Männer, Frauen und Hermaphroditen, wie Schlangen auf dem Boden immer enger um Macbeth und lassen ihn am Ende kaum mehr atmen. Für Luca Salsi ist diese Begrenzung eher Inspiration als Einschränkung, wie er sagt.

"Für mich ist das sehr anregend, weil ich mich durch die Reduktion noch stärker als Schauspieler einbringen muss. Und das ist für mich der Schlüssel zur Oper von heute: Die Revolution der zeitgenössischen Operninszenierung liegt nicht in möglichst befremdlichen oder provokanten Inszenierungsideen, sondern darin, die Figuren zu verkörpern statt nur zu singen, sie also durch die schauspielerische Interpretation wirklich zum Leben zu erwecken."

Luca Salsi

WIENER STAATSOPER/MICHAEL PÖHN

Dunkelheit und Schauder-Effekte

Die restliche, stark geneigte Bühne bleibt fast die ganze Handlung über dunkel und ist lediglich von vier Lichtketten oben und unten gesäumt, die zentralperspektivisch auf der Hinterbühne zusammenlaufen. Ob sie den Notausgang oder den Weg ins Verderben weisen, oder gar den berühmten Tunnel zwischen Leben und Tod markieren, bleibt Interpretationssache des Publikums.

"Wie bringt man Horror auf die Bühne? " Diese zentrale Frage stellte Kosky an den Beginn seines Projekts und beantwortet sie in seiner Inszenierung mit einer Reihe einfacher, aber wirkungsvoller Effekte. Etwa, dass aus der Dunkelheit plötzlich Figuren auftauchen und ebenso plötzlich wieder in ihr verschwinden, dass Macbeth Personen wahrnimmt, die für andere unsichtbar bleiben, oder dass Echos und Geisterstimmen schemenhaft für Unbehagen sorgen.

In Zürich erntete er dafür 2016 einhellige Begeisterung. Ob diese nun, fünf Jahre später, auch auf Wien überschwappt, wird die Premiere zeigen.

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