Ausschnitt eines Gemäldes: "Washington überquert Delaware" von Emanuel Gottlieb Leutze

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Radiokolleg

Ups & Downs der US-Demokratie

Im Lauf ihrer Geschichte haben die Vereinigten Staaten von Amerika, eine der am längsten bestehenden Demokratien der Welt, mehrmals mit der Umsetzung ihrer Ideale ringen müssen. Eine "Radiokolleg"-Spezialausgabe über die Demokratieentwicklung der USA.

Im Lauf ihrer Geschichte haben die Vereinigten Staaten von Amerika, eine der am längsten bestehenden Demokratien der Welt, mehrmals mit der Umsetzung ihrer Ideale ringen müssen. Eine "Radiokolleg"-Spezialausgabe über die Demokratieentwicklung der USA.

"Wir erachten diese Wahrheiten als von selbst ersichtlich, dass alle Menschen gleich erschaffen wurden, dass sie von ihrem Schöpfer mit gewissen unveräußerlichen Rechten ausgestattet wurden, dass dazu Leben, Freiheit und das Streben nach Glück zählen." Ein viel zitierter Auszug aus der US-amerikanischen Unabhängigkeitserklärung, die am 4. Juli 1776, vor 250 Jahren, im Rahmen des "Continental Congress" in Philadelphia von 56 weißen Männern unterzeichnet wurde, im Namen aller Bewohnerinnen und Bewohnern der 13 Kolonien.

Unterzeichnung der Unabhängigkeitserklärung der Vereinigten Staaten von Nordamerika am 4. Juli 1776

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Mythos 1776

Die "Declaration of Independence" ist ein wortgewaltiges Dokument, in dem mit rund 1.300 Worten die Loslösung vom britischen Königreich argumentiert und verkündet wird. Doch bereits damals orteten kritische Stimmen eine bittere Ambivalenz, denn für wen gilt diese Freiheit und das Streben nach Glück? "Life, Liberty and the Pursuit of Happiness", diese Grundrechte wurden jedenfalls zu einem Mythos, einem tief verankerten Credo der US-amerikanischen Bevölkerung und zugleich zu einem Motor für den Aufstieg zur Weltmacht.

Die USA galten lange als das "Land der unbegrenzten Möglichkeiten", in dem angeblich jeder Tellerwäscher zum Millionär werden konnte. "1776" ist außerdem ein Mythos, der polarisiert - man denke etwa an die Debatte um das "1619 Project" (basierend auf einem 2019 in der "New York Times" veröffentlichten Essay), das im Gründungsmythos auch die Sklaverei berücksichtigen möchte. 1619 ist jenes Jahr, in dem die ersten afrikanischen Sklaven auf dem nordamerikanischen Kontinent eintrafen. Daraus entstand schnell ein Konflikt, der die starke Polarisierung in den USA veranschaulicht: Wer 1619 unterrichtet, gilt als illoyal, wer 1776 betont, als blind gegenüber Rassismus.

Checks & Balances

Das im ersten Zusatzartikel der US-amerikanischen Verfassung verankerte Recht auf freie Meinungsäußerung ("freedom of speech") ist ein Beispiel für einen Garant einer funktionierenden Demokratie. Eine Demokratie, die auf dem Prinzip der Gewaltenteilung basiert. In den vergangenen zehn Jahren wurde allerdings immer offensichtlicher, wie fragil dieses demokratische System ist, insbesondere in der zweiten Amtszeit von Donald Trump, der die rechtsstaatlichen Prinzipien einfach ignoriert und somit die Mechanismen, die vor Machtmissbrauch schützen sollen, ausschaltet, weshalb immer öfter die Rede davon ist, dass die jahrhundertealte US-amerikanische Demokratie vor dem Scheitern stehen könnte. Trumps autoritärer Regierungsstil erinnert stark an König George III, dem Feindbild der Gründerväter, dessen Fehlverhalten sie in der Unabhängigkeitserklärung anklagten.

Moderne Demokratien, schreiben Daniel Ziblatt und Steven Levitsky in ihrem Bestseller "How Democracies Die" aus dem Jahr 2018, werden nicht schlagartig durch einen Putsch zerstört, sondern durch gewählte Politiker zersetzt, die Institutionen Schritt für Schritt aushöhlen - durch Angriffe auf politische Gegner, Medien, Justiz, Universitäten. Sie gehen langsam und leise zugrunde. Eine mittlerweile unumstrittene These, und zu ihrem 250. Geburtstag stellen sich daher die Fragen, ob es für die USA noch Hoffnung gibt und was wir aus ihrer Geschichte lernen können.

Text: Julia Reuter

Gestaltung
Richard Brem, Kim Cupal, Günter Kaindlstorfer, Sarah Kriesche, Thomas Miessgang, Julia Reuter, Wolfgang Ritschl, Barbara Volfing

Redaktion
Ute Maurnböck, Ina Zwerger

Service


Literaturliste:

Philipp Gassert, "Die bipolare Nation. Was Amerika der Welt gegeben hat. Im Guten wie im Schlechten", dtv
Hiram Kümper, "Mythos 1776. Traum und Erwachen der amerikanischen Nation", Propyläen
Steven Levitsky/Daniel Ziblatt, "Wie Demokratien sterben", Pantheon
Arthur Landwehr, "Die zerrissenen Staaten von Amerika. Alte Mythen und neue Werte - ein Land kämpft um seine Identität", Droemer Knaur
Jill Lepore, "We the People. Eine Geschichte der amerikanischen Verfassung", C.H. Beck
Adrian Daub, "Was das Valley herrschen nennt", Edition Suhrkamp
Ron Chernow, "Washington. A Life", Penguin Books
Ezra Klein, "Der tiefe Graben. Die Geschichte der gespaltenen Staaten von Amerika", Hoffmann & Campe