Experte gegen Blockade durch Landespolitik

"Bei der Bildung geht nichts weiter"

Eine Abrechnung mit dem österreichischen Schulsystem liefert der ehemalige steirische Landesschulratspräsident und Mitinitiator des Bildungsvolksbegehrens, Bernd Schilcher, in seinem neuen Buch. Ziel seiner Kritik ist vor allem die "Blockadepolitik" der Länder: Die Politiker hätten nicht die Interessen der Kinder im Auge, sondern das Erhalten des Status Quo.

Morgenjournal, 16.3.2012

Helga Lazar

"Der Bund traut sich nicht"

Bernd Schilcher war Vorsitzender der Reformkommission die Bildungsministerin Claudia Schmied (SPÖ) 2007/2008 eingesetzt hatte. Der Großteil der damaligen Experten-Vorschläge sei nicht realisiert worden, wie die Umwandlung der Landesschulräte und die Beseitigung der Bezirksräte: "Das ließe sich alles sofort erledigen, wenn man wollte. Aber die Länder sind dagegen, daher traut sich der Bund nichts zu machen."

Vor allem die schwach entwickelte und zersplitterte Frühförderung sieht der Mitinitiator des Bildungsvolksbegehrens als großes Manko. Es mache einen "Riesenunterschied", wo man geboren werde. So biete Niederösterreich für vier Prozent der Einjährigen Krippenplätze, Wien hingegen für 24 Prozent. Sein Schluss: "Das gehört in Bundeskompetenz."

Schulautonomie statt Verordnung von oben

Die Schulverwaltung sei aufgebläht und teuer, und es müsse endlich Schulautonomie eingeführt werden, so Bernd Schilcher: "Es kann keine Verantwortung in den Schulen entstehen, wenn von oben alles verordnet wird. Die Lehrer werden von oben hineingeschickt, der Direktor kann sich das nicht aussuchen. Und wo gibt es einen Betrieb auf der ganzen Welt, wo der Direktor sich seine Mitarbeiter nicht aussuchen kann." Es seien auch kaum noch Bewerber für Direktorenposten an Volks- und Hauptschulen zu bekommen, so Schilcher.

Faymann und Spindelegger "bremsen"

Enttäuscht ist Bildungsexperte Bernd Schilcher von Bundeskanzler Werner Faymann (SPÖ) und Vizekanzler Michael Spindelegger (ÖVP), die seiner Meinung nach zu sehr unter dem Einfluss der Landeschefs stehen: "Die zwei tun sichtbar nicht sehr viel für die Schule. Da habe ich eher den Eindruck, dass sie bremsen." Schilcher erinnert an die Forderung nach zwei Stunden mehr Unterricht, mit der Unterrichtsministerin Schmied abgeblitzt ist: "Wo dann der Kanzler gesagt hat, kommt nicht in Frage, nachdem der Vizekanzler gesagt hat, das will er nicht, nachdem die Gewerkschaft gesagt hat, sie wollen das nicht."

Trotz seiner vielen Kritikpunkte glaubt Bernd Schilcher weiter an eine Reformierbarkeit des Bildungssystems und setzt jetzt auf das Parlament: Im Zuge der Behandlung des Volksbegehrens hofft er, dass der Druck so groß wird, dass die Politiker ihre Strategie des Stillstandes endlich überwinden.

Buchtipp:

Bernd Schilcher, "Bildung nervt", Carl Ueberreuter Verlag, ISBN-10: 3-8000-7530-X