Hungersnot im Tschad

In der westafrikanischen Sahel-Zone herrscht die schlimmste Dürre seit Jahren, 13 Millionen Menschen sind laut Caritas akut bedroht. Um eine humanitäre Katastrophe zu verhindern, muss jetzt schnell gehandelt werden. Die UNO rechnet mit Kosten von 725 Millionen Dollar, Österreich hat bereits 1,5 Millionen Euro an Hilfsgeldern zugesagt.

Mittagsjournal, 6.4.2012

"Wir haben keine Ressourcen mehr"

Mitten im Sahelgürtel, südlich des Tschadsees, gräbt eine Frau im Dorf Dougui in einem unterirdischen Ameisenbau nach Samen. Daraus könne sie jetzt einen Brei kochen, erklärt sie. Denn die eigenen Getreidevorräte aus Mais, Hirse und Reis sind längst aufgebraucht. "Dieses Jahr konnten wir fast gar nichts ernten. Im Augenblick leben wir von Dingen, die hier wild wachsen. Doch selbst die Ameisenhügel sind schon fast leergeräumt. Wir haben hier keine Ressourcen mehr."

Nahrungsmittelpreise verdoppelt

Vergangenen Sommer hat es in der Region nur wenige Tage geregnet. Die Ernte ist auf den Feldern vertrocknet. Auch jene Reserven, die eigentlich als Saatgut für dieses Jahr gedacht waren, sind aufgegessen. Doch die Dürre hat nicht die gesamte Sahel-Region getroffen. Aus den Nachbarländern Kamerun und Nigeria wird Getreide in den Tschad gebracht. Die Menschen im Tschad haben aber nicht genug Geld, um es zu kaufen, erklärt Martin Kessler von der Diakonie Katastrophenhilfe: "Was wir natürlich beobachten, sind starke Preisschwankungen. Die Grundnahrungsmittel haben sich im letzten Jahr massiv verändert. Auch im Jahr davor. Preise haben sich manchmal sogar verdoppelt."

Lage im Sahel-Streifen am schlimmsten

Im Tschad seien derzeit 3,6 Millionen Menschen von Nahrungsmittelknappheit betroffen. Davon befinden sich 1,2 Millionen bereits in einer dramatischen Situation, sagt David Cibonga von OCHA, der UN-Stelle für die Koordinierung humanitärer Angelegenheiten. Am schlimmsten sei die Lage im Sahel-Streifen. Dieser führt vom Tschadsee im Westen bis zur Grenze zum Sudan im Osten. In der Grenzregion leben etwa 125.000 sudanesische Flüchtlinge in Zeltlagern.

Nothilfe und nachhaltige Programme nötig

Die nächste Ernte kommt frühestens im September. Bis dahin sind viele Menschen auf Nahrungsmittelhilfe angewiesen, so David Cibonga: "Die Region ist riesengroß. Hier gute Hilfsprogramme durchzuführen ist eine große logistische Herausforderung. Auch in der Vergangenheit kam es immer wieder zu Ernährungsengpässen. Jetzt geht es einerseits darum, schnelle Nothilfe zu leisten, andererseits darum, eine langfristige Entwicklung zu fördern, damit die Menschen künftig besser auf solche Krisen vorbereitet sind. Dafür brauchen wir aber noch Geld", sagt David Cibonga.

Rasche Hilfe ist insgesamt billiger

In den Dörfern der Sahelzone sind derzeit die Frauen in der Überzahl. Denn viele Männer im arbeitsfähigen Alter sind in die Hauptstadt N’Djamena gezogen. Sie sind auf der Suche nach Arbeit, um Geld nach Hause zu schicken. Jetzt sei es wichtig, eine Massenflucht in die Städte zu verhindern, sagt Martin Kessler von der Diakonie Katastrophenhilfe: "Mit unseren Maßnahmen unterstützen wir, dass die Menschen auf ihren Höfen bleiben. Das heißt, wir verteilen Nahrungsmittel und machen sogenannte Food-for-work Programme, wo man Arbeit in der Kommune leistet und statt mit Geld, mit Nahrungsmitteln bezahlt wird. Oder wir verteilen Saatgut, damit versuchen wir zu verhindern, dass die Leute das Land verlassen. Wenn das Land verlassen wird, sind die Folgekosten für die Menschen und auch die finanziellen Folgekosten sehr viel größer."

Flüchtlingslager mit Nahrungsmitteln, Zelten und Gesundheitsversorgung zu unterstützen, werde sehr viel teurer und aufwändiger, als jetzt etwas zu unternehmen, so Kessler.