Pink Sari Revolution

Gewalt gegen Frauen ist in Indien zu einem zentralen Thema geworden. Fast täglich berichten die indischen Medien von neuen Fällen von Vergewaltigungen und anderen Formen von Missbrauch in allen Teilen des Landes. Die irische Journalistin Amana Fontanella-Khan spricht von einer Gewalt-Epidemie.

Gerade wenn die Lage so düster und trostlos erscheint, braucht man Personen, die inspirieren, die zeigen, dass Veränderungen möglich sind, und die einfach nicht aufgeben, betont Amana Fontanella-Khan, die für britische und US-Medien schwerpunktmäßig über Frauenthemen schreibt. Eine dieser inspirierenden Personen hat sie in Indien getroffen – eine Frau namens Sampat Pal, die mit ihrer pinkfarbenen Gang in den Dörfern von Nordindien für Recht und Ordnung kämpft.

Problemzone Uttar Pradesh

Im nordindischen Bundesstaat Uttar Pradesh befinden sich beliebte Touristenziele. Der Ganges fließt durch die weite Ebene, in der Agra mit dem Taj Mahal und Varanasi, die heilige Stadt der Hindus, liegen. In Uttar Pradesh, dem mit 200 Millionen Einwohnern bevölkerungsreichsten indischen Bundesstaat, befindet sich auch der Wahlkreis der Nehru-Gandhi-Dynastie. Politisch und ökonomisch gehört Uttar Pradesh aber seit Jahrzehnten zu den Problemzonen des Landes: Armut, kastenbedingte Diskriminierung und Gesetzlosigkeit kennzeichnen weite Gebiete, insbesondere auch Dörfer wie Banda, Atarra, Badausa oder Shabajpur, in denen Sampat Pal und ihre Mitkämpferinnen aktiv sind. Der Name der streitbaren Frauen - Gulabi Gang - also "Pinkfarbene Gang" – leitet sich von den pinkfarbenen Saris ab, die die Frauen bei ihren Einsätzen tragen.

"Wo immer Justiz und Polizei versagen, sind Frauen besonders betroffen", sagt Fontanella-Khan. "Frauen in dieser Region leiden unter Gewalt in der Familie, Vergewaltigungen und sexuellem Missbrauch. Das ist einer der Hauptgründe, warum die Rosa Gang entstand."

Erste Protestaktion mit acht Jahren

Amana Fontanella-Khan verbrachte viereinhalb Jahre in Indien, einen Teil davon im Umfeld der heute 55-jährigen Sampat Pal. Als Tochter eines Hirten wurde Sampat Pal in einfachste Verhältnisse hineingeboren, vorbestimmt war ihr das typische Schicksal von Millionen armer Inderinnen – harte Arbeit, Geringschätzung in der eigenen Familie und später in der des Ehemannes, Unterdrückung durch Dorfpolitiker und Grundbesitzer. Doch Sampat Pal zeigte bereits in ihrer Kindheit, dass sie nicht bereit war, Unrecht widerspruchlos hinzunehmen.

Ihren ersten Protest organisierte sie im Alter von acht Jahren. Ein Freund von ihr arbeitete auf den Feldern eines einflussreichen Grundbesitzers. Toilette gab es keine, und als er einmal dringend musste, verrichtete er sein Geschäft auf dem Feld. Die Tochter des Grundbesitzers sah das, lief zu dem Burschen hin und verpasste ihm eine Ohrfeige. Als Sampats Vater von dem Vorfall hörte, war er empört und beschwerte sich beim Grundbesitzer, worauf der Sampats gesamter Familie verbot, noch einmal sein Land zu betreten. Sampat reagierte rasch: Sie trommelte alle ihre Freunde und Freundinnen zusammen, gemeinsam betraten sie ein Stück Land, das direkt vor dem Haus des Grundbesitzers lag, ließen alle ihre Hosen herunter und verrichteten ihre Notdurft. Als die Tochter des Grundbesitzers eingreifen wollte, warf Sampat sie zu Boden. Der erste Schritt war getan: Von da an würde es Sampat immer wieder mit mächtigen Gegnern aufnehmen.

Erkämpfte Unabhängigkeit

Schon bei dieser ersten Aktion war Sampat Pal klar: Einem starken Gegenspieler kann man nur mit einer gut organisierten Gruppe entgegen treten. Um das Alltags- und Familienleben zu bewältigen, benötigte Sampat Pal aber auch viel innere Kraft, Mut und aktionistische Kreativität. Zwölf Jahre war sie alt, als sie verheiratet wurde, mit 15 gebar sie das erste ihrer fünf Kinder. Das Leben im Haus der Schwiegereltern war ein ewiger Kampf, vor allem auch mit der Schwiegermutter. Schließlich konnte Sampat es nicht mehr ertragen, und sie überredete ihren Mann dazu, in ein eigenes Haus zu ziehen. Es war ein wichtiger Befreiungsschlag.

Entscheidend war dann der Moment, in dem Sampat finanziell unabhängig wurde. Sie war damals Ende 20, hatte sich selbst das Nähen beigebracht, dann eine Nähmaschine gekauft und arbeitete als Schneiderin und Nählehrerin. Eine derart unabhängige Frau war in den Dörfern der Region äußerst selten zu finden, und so wurde bald eine lokale NGO auf sie aufmerksam. In Sampats Leben begann ein neuer Abschnitt: Sie organisierte nun Selbsthilfegruppen von Frauen: Die Frauen sollten Geld zusammenlegen, um damit Anspruch auf Regierungskredite für kleine einkommensschaffende Projekte zu erhalten.

Doch immer mehr Frauen wandten sich damals an Sampat Pal mit Problemen, die weit über den Rahmen dieser Selbsthilfegruppen hinausgingen. Sampat erklärte den Frauen: Wenn wir all diese Probleme angehen wollen, benötigen wir eine eigene Gruppe. Und so wurde 2006 die Gulabi Gang gebildet. Rosa Saris als Uniform sollten die Gruppenidentität stärken und auch nach außen hin sichtbar machen.

Respekteinflößende Gruppe

So wie der erste Protest, den Sampat Pal im Alter von acht Jahren organisierte, richtete sich auch die erste Aktion der Gulabi Gang gegen die lokalen Machthaber. Unwetter hatten eine Straße in der Region zerstört, doch die staatlichen Gelder, die für die Reparatur gedacht waren, verschwanden in den Taschen der Lokalpolitiker.

Sampat und ihre Frauengruppe erklärten daraufhin: Das ist keine Straße, das ist ein Feld, und das sollten wir sinnvoll nutzen, da sollten wir Kartoffeln und Gemüse anbauen. Gesagt, getan: Mit ihrer Aktion blockierten sie natürlich den Verkehr, rasch bildete sich eine Gruppe neugieriger Leute, die Nachricht von der Aktion verbreitete sich, und schließlich trafen auch Lokalpolitiker ein, die versprachen, die Straße wieder zu reparieren. Bei diesem Ereignis verpasste die lokale Presse der Frauengruppe, die sich bis dahin als Organisation zur Ermächtigung von Frauen am Land bezeichnete, den Namen Gulabi Gang.

"Gang – das klingt nach einer wilden und gewaltbereiten Partie. Aber das stört die Gulabi-Frauen nicht", sagt Fontanella-Khan. "Wenn sie geschlossen auftreten, kämpferische Slogans rufen und ihre Bambusstöcke schwingen, darf das schon Respekt bis Furcht einflössen."

Unterstützung der Medien

"Sieg der Gulabi Gang", rufen die Frauen, die in ihrem Kampf vor allem auf ungewöhnliche Aktionen, Druck und Verhandlung setzen. Die Gang pflegt ganz bewusst dieses Image von aggressiven Frauen, von Frauen, mit denen man sich nicht anlegen will. Dieses Image ist nützlich, denn es weckt die Aufmerksamkeit der Medien, die eine wichtige Stütze sind. Die Gulabi Gang kann sich darauf verlassen: Wenn sie einen Protest organisiert, berichten die Medien darüber. Außerdem werden die Frauen so einfach ernster genommen.

Innerhalb der Organisation achtet Sampat sehr auf die Spielregeln. Jede neue Frau, die sie rekrutiert, wird darüber aufgeklärt, dass sie mit dem Bambusstock nicht gegen andere vorgehen darf und dass jede einzelne Aktion genau durchdacht sein muss. Sonst besteht die Gefahr, dass die Gang ihre Unterstützung in der Gesellschaft verliert und mit Klagen überhäuft wird. Derzeit liegt nur eine Klage gegen Sampat aus dem Jahr 2006 vor; damals attackierte sie mit ihrem Stock einen Polizisten. Aber das war das einzige Mal.

Ob es um Korruption oder um Übergriffe durch die Polizei geht, um Infrastrukturprobleme, Stromversorgung oder Lebensmittelkarten für Menschen unter der Armutsgrenze, die Gulabi Gang nimmt sich aller gesellschaftspolitischen Fragen und natürlich insbesondere der Anliegen der Frauen an.

Die böse Schwiegermutter

"2006 stürmte die Gulabi Gang ein Stromversorgungsunternehmen, das eine Gemeinde nur gegen Schmiergeldzahlung und Erbringung sexueller Dienstleistungen mit Strom versorgte", nennt Amana Fontanella-Khan ein Beispiel. Im Falle von Maya, einer schwer misshandelten, ausgebeuteten und schließlich verstoßenen Schwiegertochter, griff die Gulabi Gang zu folgender Taktik:

Sampat Pal und ihr Team unterstützen junge Paare, die über Kastengrenzen hinweg heiraten möchten und dabei auf den Widerstand ihrer Gemeinden stoßen; und sie kämpfen für Frauen, denen Gewalt widerfährt. Das Buch "Pink Sari Revolution" gibt damit auch einen profunden Einblick in das Leben in indischen Dörfern, in die dort gängigen Konflikte, in Machtverhältnisse und Machtkämpfe.

Druck auf lokale Politiker

Die meisten Schlagzeilen machte 2010/2011 der Fall der damals 17-jährigen Sheilu, die von einem Regionalpolitiker vergewaltigt wurde. "Es war ein politisch sehr komplizierter Fall, in den viele Kräfte hinein spielten", so Fontanella-Khan. "Die Gulabi Gang bezog die Eltern von Sheilu ebenso ein wie die Medien, sie organisierte Kundgebungen und Protestmärsche und machte Druck auf die lokalen Politiker. Schließlich ging der Fall bis an den Obersten Gerichtshof, und Rahul Gandhi, Generalsekretär der indischen Kongresspartei, kam nach Uttar Pradesh, um Sheilu zu treffen. Die Strategie der Gulabi Gang umfasst immer diese Netzwerkbildung, konstanten Druck auf die Machthaber und intensive Öffentlichkeitsarbeit."

Apropos Öffentlichkeitsarbeit: die Gang verfügt inzwischen auch über ihre eigene Webseite in Englisch.

Service

Amana Fontanella-Khan, "Pink Sari Revolution. Die Geschichte von Sampat Pal, der Gulabi Gang und ihrem Kampf für die Frauen Indiens", ins Deutsche übersetzt von Barbara Schaden, Hanser Verlag

Gulabi Gang