Europäische Literaturtage in der Wachau

Gestern Abend hat in der Wachau die siebente Ausgabe der Europäischen Literaturtage begonnen, diesmal unter dem Titel "Die Ausgewanderten". Bis Sonntag treffen in Krems und Spitz an der Donau internationale Schriftsteller zusammen, um über aktuelle Tendenzen der europäischen Gegenwartsliteratur zu diskutieren, darunter viele, die selbst als Ausgewanderte nach Europa kamen wie Najem Wali oder Atiq Rahimi.

Eröffnungsrednerin ist heuer die schottische Schriftstellerin A. L. Kennedy, die mit ihren Romanen, Erzählungen und Dramen auch im deutschsprachigen Raum eine große Leserschaft begeistert. Daneben tritt Kennedy regelmäßig als engagierte Rednerin auf, etwa bei Antikriegsdemonstrationen oder als Kritikerin der aktuellen britischen Flüchtlingspolitik.

Morgenjournal, 23.10.2015

Verantwortung von Kunst und Literatur

Literatur und Kunst, davon ist A. L. Kennedy überzeugt, können und müssen einen wesentlichen Beitrag zum Gelingen einer gesunden, nicht soziopathischen Gesellschaft leisten, etwa durch aktive Gegenpositionen zu seichten Reality-Shows, niveauloser Unterhaltung und manipulativer Berichterstattung. Wenn sie scheitern, stehe die Kultur eines ganzen Volkes auf dem Spiel, so die Autorin.

"Und wir müssen wohl gescheitert sein", meint Kennedy mit Blick auf die aktuelle Situation in Europa, und speziell in Großbritannien. Gewalt und Fremdenhass seien hier längst salonfähig und kurzsichtige Politiker hätten nach wie vor nicht verstanden, dass die Welt kleiner geworden und zusammengewachsen ist. "Wer durch Waffenlieferungen von den Bombardements in Syrien profitiert, darf sich nicht über die syrischen Flüchtlinge wundern; wer im Irak brutal foltert, wird diese Folter und Gewalt zwangsweise auch mit nach Hause bringen", ist Kennedy überzeugt.

Politische Aktivistin & Stand-up-Comedian

Derzeit versuche die Regierung den Human Rights Act, also die Verankerung der Europäischen Menschenrechtskonvention im britischen Recht zu kippen, und erst am Mittwoch wurde ein Gesetz verabschiedet, das weitere 25.000 Familien unter die Armutsgrenze bringt, sagt Kennedy. Immer wieder bezieht sie kritisch zu aktuellen politischen Themen Stellung; zuletzt engagierte sie sich in zahlreichen Anti-Kriegsdemonstrationen.

Ob ein Teil des Fremdenhasses auch der Armut im eigenen Land geschuldet ist? Statt zu antworten, erzählt Kennedy, die regelmäßig auch als Stand-up-Comedian auftritt, einen in England kursierenden Witz: "Ein Mann und ein Banker sitzen sich gegenüber, vor ihnen 13 Kekse. Der Banker isst zwölf davon und sagt zum Mann: Pass auf, die Flüchtlinge könnten dir dein Keks wegnehmen."

Schwarzer Humor & Fantasy

Humor, zumal schwarzer Humor, wie er sich auch in den Werken der Autorin wiederfindet. Kennedy stellt Ernst und Komik, humorvolle Leichtigkeit und Brutalität nahtlos nebeneinander und würzt die Wirklichkeit stets mit ein wenig Fantasy. "Die Realität an sich ist schon interessant. Aber ich bin gierig nach Dingen, die darüber hinausgehen, also erfinde ich sie", sagt A. L. Kennedy. Am 22. Oktober feierte die Autorin ihren 50. Geburtstag und wurde dazu vom Publikum in der Kremser Minoritenkirche herzlich beglückwünscht.

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