Virtuell in Pekings Verbotener Stadt

Kunstschätze anschauen können, auch wenn sie - wie in Syrien - zerstört worden sind, oder - wie in Italien - mangels Aufsichtspersonals nicht besichtigt werden können. Eine technologische Neuheit im Museum für orientalische Kunst in Turin macht es möglich, in der Verbotenen Stadt virtuell unterwegs zu sein.

Morgenjournal, 22.2.2016

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MAO - Museo d'Arte Orientale

Seit Jahren häufen sich vor allem Negativmeldungen aus Italiens Museenlandschaft, die finanziell so klamm ist, dass Ausstellungssäle geschlossen werden müssen, weil man Aufsichtspersonal nicht mehr bezahlen kann. Aus dem italienischen Turin kommen jetzt gleich zwei gute Nachrichten: zum einen die eines italienischen Museums, das endlich wieder Geld investieren kann, und zum anderen auch noch eine europäische Neuheit in Sachen Besichtigungen bietet.

Originalgetreu vor Augen

Der Eindruck ist überwältigend: hohe Räume, kostbarste Dekorationen und ein Thron, auf dem der chinesische Kaiser saß, wenn er Diplomaten und Bittsteller empfing. Doch zunächst einmal muss man sich an das neue Ambiente gewöhnen. An ein Ambiente, das in Wirklichkeit gar nicht existiert, sondern nur virtuell vorgegaukelt wird. Schnell gewöhnt man sich daran, sich in der hochtechnologischen Kunstwirklichkeit zu bewegen - und los geht es durch die Verbotene Stadt, die einem so originalgetreu vor Augen erscheint, dass es einem, erklärt Marco Biscione, den Atem verschlägt. Biscione ist Direktor des Museums für orientalische Kunst in Turin (MAO).

"Wir präsentieren Kunst und Architektur, die hier bei uns nicht konkret präsent sind. Mit einer so hohen Bildqualität, dass der Besucher dieser virtuellen Realität im ersten Moment echte Orientierungsprobleme haben kann. Wir sind das erste Museum Europas, das über so eine Technik verfügt. Wir werden damit sicherlich noch mehr Besucher als bisher haben."

Mit Brille und Joypad in virtuelle Welten

Entwickelt wurde der virtuelle Besuch der Verbotenen Stadt von einem Turiner Start-up-Unternehmen. Das von Fulvio Castellano und Luca Licata benutzte stereoskopische Verfahren liefert ein voll bewegtes Bild mit einem hohen Tiefeneindruck. Die von den beiden Technikern entwickelte Technologie ist so verfeinert worden, das die bei stereoskopischen 3-D-Verfahren durch Doppelbilder häufig auftretenden unangenehmen Schwindelgefühle, Schweißausbrüche oder gar Übelkeit fast nicht mehr auftreten.

Trotzdem muss sich der sich virtuelle Besucher der Verbotenen Stadt auf ein wenig Verwirrung gefasst machen - denn wenn man erst einmal die Brille, die wie eine altmodische Skibrille aussieht, aufgesetzt und den "joypad" in die Hand genommen hat und bedient, geht’s mit voller Wucht los: Wer dabei nicht langsam und vorsichtig vorgeht, dem kann es passieren, dass er sich mit großer Geschwindigkeit auf dem Boden vor einem der Haupttore der Verbotenen Stadt wiederfindet. Die Tore wirken so echt, mit ihren leuchtenden Farben rot und schwarz, das man es kaum fassen kann. Begleitet von chinesischer Musik geht es hinein, in die Kaiserresidenz, und weiter zur Besichtigung der einzelnen prachtvoll eingerichteten Gebäude.

Turins Vorreiterrolle

Das virtuelle Besichtigungsprojekt des MAO in Turin soll Museumsbesuchern nicht nur einen neuen und besonderen Kick bieten. Es soll auch eine Vorreiterrolle einnehmen. Museumsdirektor Marco Biscione ist davon überzeugt, dass virtuelle Besichtigungstouren vor allem für jene historischen Orte von immer größerer Bedeutung werden, die aufgrund von Kriegen, Unruhen und auch Naturkatastrophen nicht mehr besucht werden können. Wie im Fall des syrischen Palmyra und auch der antiken Ruinen im bürgerkriegsgeschüttelten Libyen.

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