Leyla Hussein

FILMLADEN FILMVERLEIH

"#Female Pleasure" im Kino

Ein Dokumentarfilm, der sich zugleich als Aufruf versteht: gegen die weltweite Unterdrückung der weiblichen Lust und für einen gleichberechtigten Umgang mit Sexualität und Erotik.

Mittagsjournal | 15 11 2018
Judith Hoffmann

Kulturjournal | 16 11 2018 - Regisseurin Miller im Gespräch
Judith Hoffmann

Der Filmtitel "#Female Pleasure" mutet zunächst irreführend, ja fast höhnisch an. Denn es geht tatsächlich nicht um die vielen Facetten der weiblichen Lust, sondern vor allem um deren brutale Unterdrückung, und zwar rund um den Globus, in allen Kulturen und Religionen.

Vergewaltigung, Genitalverstümmelung & Zwangsehe

"Ich habe den Hashtag vor dem Titel bewusst gesetzt, gewissermaßen als Kampagne, als Aufruf zum Kampf gegen die Unterdrückung weiblicher Sexualität. Für mich ist es daher keine Irreführung", sagt die Filmemacherin Barbara Miller. Fünf Jahre lang hat sie für ihren Film fünf Frauen auf allen Kontinenten mit der Kamera begleitet, die sich trauten, ihre Erfahrungen mit sexueller Gewalt und Unterdrückung öffentlich zu erzählen und die mit beeindruckenden Projekten energisch gegen die verheerenden Missstände auftreten.


Die somalisch-britisch Psychotherapeutin Leyla Husseyn etwa wurde als Siebenjährige einer rituellen Genitalverstümmelung unterzogen. Heute zeigt sie in Workshops jungen Männern anhand einer übergroßen Vagina aus Plastilin, was bei der weiblichen Beschneidung konkret passiert - mit beeindruckenden Folgen: Während die Männer zuvor noch angaben, nur beschnittene Jungfrauen heiraten zu wollen, ist ihnen danach das blanke Entsetzen ins Gesicht geschrieben, und alle sprechen sich vehement gegen die weiblich Genitalverstümmelung aus.

Die Inderin Vithaka Yadav wurde als Jugendliche regelmäßig begrapscht und belästigt. Ihre Online-Plattform "Love Matters" bringt Millionen von Jugendlichen Aufklärung in Sachen Erotik, Liebe und Sexualität - jenseits gängiger Bilder, wonach Männer ihre Triebe nicht unterdrücken und Frauen keine Lust empfinden können. Eine wachsende Aktivistengruppe demonstriert in öffentlichen Kundgebungen den gleichberechtigten Umgang mit Liebe und Erotik.

Keine Veränderung ohne Gleichberechtigung und Austausch

Es gehe um Männer und Frauen, beide müssten sich gleichermaßen ändern und entwickeln, um einen gleichberechtigten, lustvollen Umgang mit Sexualität zu erreichen, sagt Yadav. Und die US-amerikanische Schriftstellerin Deborah Feldman pflichtet ihr bei. Sie hat sich unter Morddrohungen aus ihrer Zwangsehe und der orthodoxen jüdischen Gemeinschaft befreien können, in der sie aufwuchs. Über ihre Erfahrungen hat sie ein vielbeachtetes Buch geschrieben, ebenso wie die ehemalige Nonne Doris Wagner, die von einem Mitbruder vergewaltigt wurde.

Unaufdringlicher Blick, eindrucksvolle Montage

Miller folgt den Protagonistinnen mit aller gebotenen Aufmerksamkeit und Zurückhaltung. In langen Interviewpassagen lässt sie die Frauen ihre Geschichten erzählen. Dazwischen zeigen Einblicke in ihren Alltag und in ihre Kampagnen, wie groß die Tragweite einzelner Initiativen sein kann.

Die sexistischen Werbefotos internationaler Modekonzerne, die Miller ihrem Film voranstellt, bilden einen paradoxen Kontrast zu den Formen traditioneller und religiöser Verhüllung, Vertuschung und Unterdrückung, die in den darauffolgenden 90 Minuten thematisiert werden. Für die Regisseurin jedoch sind sie zwei unterschiedliche Ausprägungen ein und desselben Ungleichgewichts.

Der Film lebt von den charismatischen und beeindruckenden Protagonistinnen, aber auch vom Rhythmus, in dem Miller ihre Geschichten auf der Leinwand verwebt. Man möchte diesen Dokumentarfilm gern als Pflichtprogramm für Jugendliche und Erwachsene verordnen, auch weil er erfreulicherweise gänzlich auf den erhobenen Zeigefinger verzichtet.

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