Dunkelhäutige Frau blickt in die Ferne, Seitenansicht

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"Joy" - Von Nigeria in die Zwangsprostitution

Mit "Joy" startet diese Woche der neue Film der iranisch-stämmigen Wiener Filmemacherin Sudabeh Mortezai in den heimischen Kinos. Der Film erzählt von einer Realität, die anders als der Titel vermuten lässt, alles andere als leicht ist: Joy ist der Name der Hauptfigur, einer nigerianischen Frau die als Opfer von Menschenhandel als Zwangsprostituierte in Wien lebt.

Morgenjournal | 15 01 2019

Benno Feichter

"Vertraue mir nicht, vertraue niemandem, ich traue dir auch nicht." Gemessen an der Realität, durch die sich die Figuren in Sudabeh Mortezais Film bewegen, ist das ein fast schon mütterlicher Ratschlag, den Joy der jungen Precious mit auf die Straßen Wiens gibt.

Kulturjournal | 15 01 2019 - Sudabeh Mortezai im Gespräch

Benno Feichter

Im Teufelskreis der Abhängigkeiten

Der Film erzählt von einer Gruppe junger Frauen: illegal in Österreich, ausgebeutet als Zwangsprostituierte, Opfer eines systematischen Menschenhandels mit Ausgangspunkt Nigeria. Dort hat Sudabeh Mortezai Teile ihres Films gedreht, vor allem aber auch viel Recherchearbeit betrieben. "Der Teufelskreis beginnt schon dort", sagt Mortezai: "Perspektivlosigkeit, ganz schlimme Lebensbedingungen und der Traum von einem besseren Leben in Europa – aber auch eine idealisierte Vorstellung davon, wie das Leben in Europa sein wird."

Kulturjournal | 15 01 2019 | Sudabeh Mortezai im Gespräch

Benno Feichter

Eine Alpenidylle leuchtet vom Werbeplakat an der Bushaltestelle, wenn Mortezai die Frauen das erste Mal auf dem Straßenstrich in Wien zeigt. Sie werden nach Europa verschleppt und an Zuhälterinnen verkauft. 60.000 Euro ist der Preis, für den sie sich freikaufen können. Daheim warten die Familien auf Geld der Töchter aus Europa.

Eine von Frauen dominierte Welt

Im Zentrum der Handlung steht "Joy", eine junge Mutter, die zugleich für die noch jüngere – neu angekommene - Precious verantwortlich ist. Es ist eine weiblich dominierte Welt, denn auch die Zuhälterinnen - die Madames - sind Frauen. Häufig selbst ehemalige Opfer, die innerhalb des Systems aufgestiegen sind.

Die Figur der Joy sei die Essenz aus den zahlreichen Gesprächen, die sie mit betroffenen Frauen geführt habe, so Mortezai: "Und eigentlich könnte man auch denken, Precious ist die Vergangenheit von Joy und die Madame eine mögliche Zukunft. Und wenn man das dann so sieht, mit den durchlässigen Grenzen zwischen Täterinnen- und Opferrolle, wird es sehr schwierig zwischen Gut und Böse zu unterscheiden."

In einem dokumentarisch anmutenden Stil baut Mortezai auf eine harte Authentizität, holt den Zuschauer in die Mitte der Frauen, aus der heraus moralische Urteile immer schwerer zu fällen sind.

Ein Mann und zwei Frauen blicken ernst, dunkler Raum

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Mit Laiendarstellerinnen auf die großen Festivals

Wie in ihrem letzten Film "Macondo" über einen tschetschenischen Buben in einer Flüchtlingssiedlung am Stadtrand von Wien, hat Mortezai auch diesmal vorwiegend mit Laiendarstellern gearbeitet, die sie in der nigerianischen Community in Wien gefunden hat. "Ohne die Offenheit der nigerianischen Community hätte ich diesen Film so nicht machen können", sagt die Filmemacherin. Die Dialoge sind großteils improvisiert, und umso erstaunlicher ist es, mit welcher Präzision Mortezai die Figuren in ihrer teilweisen Ambivalenz durch den Film navigiert und das sonst kaum einsehbare Milieu mit Glaubwürdigkeit ausstattet.

Mortezai zeigt Hierarchiekämpfe zwischen Entrechteten. Ein Ausstieg aus diesem System ist für die Frauen kaum möglich. Opferschutzprogramme seien temporär befristet, erklärt sie, und die Chancen auf Bewilligung eines Asylantrags seien verschwindend gering: "Sie sind keine politischen Flüchtlinge, sie kommen aus keinem Kriegsgebiet. Wenn sie beschließen, gegen die Menschenhändler auszusagen, bedeutet das nicht automatisch ein Bleiberecht und wenn sie abgeschoben werden, mit leeren Händen zu ihren Familien zurückkehren müssen, kann es schnell passieren, dass sie von diesen geächtet werden."

Sudabeh Mortezai gelingt dabei das Kunststück, in alledem doch so etwas wie Momente der Unbeschwertheit erahnen zu lassen, eine Art Alltagsnormalität zu zeigen, während sich das Karussell der Ausbeutung weiterdreht. "Joy" kommt dabei mit einer erfolgreichen Festivalgeschichte im Gepäck in die österreichischen Kinos. Schon in einer Nebenreihe der Filmfestspiele von Venedig, den "Giornate degli autori" ausgezeichnet, wurde "Joy" unter anderem bei den Festivals in London und Marrakesch mit dem Hauptpreis und dem Wiener Filmpreis gewürdigt.

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