Künstler auf der Bühne bei Glatt & Verkehrt

SASCHA OSAKA

Glatt & Verkehrt

Wege, Reisen, Pfade - mit Musik von den Kapverden, Senegal, Kuba und nebenan.

Morgenjournal | 12 07 2019 | Vorschau

Sebastian Fleischer

"Glatt & Verkehrt braucht kein neues Konzept!" - Mit diesem Satz bewarb sich Albert Hosp anno 2016 um die Nachfolge Josef Aichingers als künstlerischer Leiter von Glatt & Verkehrt. Und er bekam den Job. Vielleicht auch, weil die ungewöhnliche Ansage einer gewissen Logik nicht entbehrte: Hatte Hosp doch seit der Gründung 1997 das Festival als Kurator mitgeprägt. Und war die Veranstaltung doch genau mit dem über lange Jahre verfolgten Konzept, Traditionsmusiken aus aller Welt zu präsentieren und in der Begegnung mit zeitgenössischen Klängen an die Gegenwart andocken zu lassen, zu einer der erfolgreichsten ihrer Art in Mitteleuropa avanciert.

Eine Gegend unter Klang gesetzt

Kontinuität ist also angesagt, seit Hosp 2018 des Festival-Szepter übernommen hat und mit Johann Kneihs ein weiterer langjähriger Ö1-Mitarbeiter als Kurator wirkt. Um 2019 doch - sanft - eigene Akzente zu setzen. Mit "Fokussierung auf das Wesentliche" umschreibt Albert Hosp die Betonung des Akustischen, Intimen, Kammermusikalischen: etwa in Gestalt der Solokonzerte von Konstantin Wecker und Sängerin Mira Lu Kovacs. Oder des aus Neapel stammenden, polyglotten Duos Ilaria e Francesco. Nicht zu vergessen die hochsensiblen, lyrischen Dialoge des kubanischen Pianisten Omar Sosa mit dem senegalesischen Kora-Meister Seckou Keita.

Zahlreiche Österreichpremieren

"Für einen bestimmten Zeitraum wird eine bestimmte Gegend unter Klang gesetzt" - so lautet ein weiterer programmatischer Satz aus dem Mund des neuen künstlerischen Leiters. Ein Festival bedeutet eine über die Möglichkeiten des Alltags hinausreichende Verdichtung der Ereignisse, im Idealfall: Ausnahmezustand.

Für Glatt&Verkehrt 2019 heißt das: Komprimierung des Zeitrahmens auf gut zwei Wochen, bei gleichbleibendem Veranstaltungsangebot. Zahlreiche Österreichpremieren. Und die Verbindung des Programms durch Musiker und Musikerinnen, die in unterschiedlichsten Kontexten mehrfach zu erleben sind: Das Singer-Songwriter-Duo Kristi Stassinopoulou/Stathis Kalyviotis wird sowohl mit Michael Köhlmeier als auch den zypriotischen Shootingstars von Monsieur Doumani auftreten.

Live in Ö1

Die Lieder von Mira Lu Kovacs sind, arrangiert von Clemens Wenger, ebenso in nicht alltäglicher Tentett-Besetzung - inklusive vier Waldhörnern! - zu hören. Und Lukas Kranzelbinder, zurzeit international erfolgreicher Kärntner Kontrabassist, kehrt mit dem kongolesischen Autor Fiston Mwanza Mujila wieder. Ö1 überträgt wie immer das Gros der genannten Konzerte live, andere sind übers Jahr verteilt in "On stage" zu hören.

Mit "Wege, Reisen, Pfade" weist Glatt&Verkehrt 2019 erstmals ein - überaus aktuelles - Generalthema auf. Historisch damit verknüpft ist das großartige Projekt Yiddish Glory. Unter Federführung des russischamerikanischen Sängers Psoy Korolenko wurde ein wiederentdecktes Konvolut berührender jüdischer Lieder aus dem Zweiten Weltkrieg zu klingendem Leben erweckt.

Stoff zum Nachdenken

Das Thema Flucht ist auch am Abschlusstag, dem 28. Juli, präsent: Buchautor Robert Streibel wird auf einem von Violinist Aliosha Biz begleiteten Spaziergang Schlaglichter auf das Schicksal der Kremser jüdischen Gemeinde werfen. Dabei wird wohl auch die 1938 erfolgte Arisierung der Riede Sandgrube und die in direkter Folge gegründete Winzergenossenschaft Krems, in deren Hof das Finale von Glatt&Verkehrt stattfindet, Thema sein. Das Festival hat 2019 neben exzellenter Musik also auch Stoff zum Nachdenken zu bieten.

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