Elena Stikhina

DANIEEL RABOVSKY

Musiktheater bei den Salzburger Festspielen

"Idomeneo", die erste Opernremiere in Salzburg interpretiert von Peter Sellars und Teodor Currentzis, war am 27. Juli live im Festspielsender zu erleben. Außerdem stehen auf dem Programm "Médée" am 10., "Oedipe" am 17. und "Orphée aux enfers" am 31. August 2019.

"Man sollte nicht meinen, dass in einem so kleinen Kopfe so was Großes steckt!" Diese Worte soll Kurfürst Karl Theodor von Bayern nach der Münchner Uraufführung des "Idomeneo" über den Komponisten geäußert haben; für ihn zeichnete sich Wolfgang Amadeus Mozarts Oper als "eine magnifique Musique" aus.

Mythologische Antike

1780 hatte der Komponist den Auftrag erhalten, für die bayerische Residenz eine große Oper zu schreiben. Und Mozart war diesem Auftrag gern nachgekommen, wusste er doch, welch großartige Musiker ihm in München zur Verfügung standen. Der Kurfürst hatte nämlich bei der Übersiedlung seines Hofes von Mannheim nach Bayern sein weithin bekanntes und gefeiertes Orchester mitgenommen. Für "Idomeneo" hatte man, wie damals häufig praktiziert, auf ein älteres Libretto zurückgegriffen: auf die Tragédie lyrique "Idoménée"; dieses Buch hatte bereits André Campra vertont.

"Mozart mochte die Secco-Rezitative nicht und wollte sie streichen. Wir sind seinem Wunsch nachgekommen."
Peter Sellars

Der Opern- und Theaterregisseur hält dieses Jahr die Eröffnungsrede der Salzburger Festspiele.

"Eine weitere Komplikation des Stückes ist, dass es sehr autobiografisch ist und Mozarts Kampf mit dem Vater verhandelt. In jeder Minute versucht Mozart zu sagen, 'Vater, ich liebe dich', und gleichzeitig: 'Halt den Mund und geh mir aus dem Weg'." Peter Sellers im "Ö1 Klassik-Treffpunkt" am 20. Juli 2019

Ö1 Klassik-Treffpunkt | 20 07 2019

Helmut Jasbar

Peter Sellars und Teodor Currentzis

Peter Sellars und Teodor Currentzis

SALZBURGER FESTSPIELE/ANNE ZEUNER

Mozarts Sinn für Theaterwirksamkeit

Aber - und das ist die Errungenschaft des Mozart-Werkes - man hat nicht einfach unverändert ein älteres Libretto übernommen: Mozarts Librettist Giambattista Varesco hat das französische Buch nicht nur ins Italienische übersetzt, er hat viele Arien- und Ensembletexte vollkommen neu für Mozart geschaffen. Die Korrespondenz des Komponisten mit seinem Vater Leopold belegt, wie sehr Mozart bereits in jungen Jahren einen Sinn für Theaterwirksamkeit und Stückaufbau entwickelt hatte. Einerseits steht die Oper noch in der barocken Tradition der Opera seria, andererseits haben Mozart und sein Librettist diese traditionelle Form vielfach aufgebrochen; "Idomeneo" markiert den Beginn des ganz individuellen Mozart-Stils.

"Respekt einerseits, Respektlosigkeit, Zorn und Wut andererseits - das war Mozarts Einstellung nicht nur gegenüber seinem Vater, sondern auch gegenüber der Opera seria."
Peter Sellars

In der Geschichte der Salzburger Festspiele nach dem Zweiten Weltkrieg ist Mozarts im ständigen Opernrepertoire nicht allzu häufig auftauchender "Idomeneo" bereits 1951 erstmals über die Bühne gegangen und wurde immer wieder im Verlauf der Jahre zur Diskussion gestellt, letztmals bisher im Mozart-Jahr 2006. Im heurigen Sommer wird mit diesem Dramma per musica in drei Akten der Reigen der Opernpremieren des Festivals eingeleitet - die Besucher/innen dürfen dabei auf eine außergewöhnliche Interpretation gespannt sein: Teodor Currentzis wird das Freiburger Barockorchester dirigieren, Peter Sellars wird inszenieren - das gleiche Produktionsteam hat bereits vor zwei Jahren Mozarts "La clemenza di Tito" in einer singulären Produktion auf die Bühne gebracht.

Elena Stikhina

DANIEEL RABOVSKY

Elena Stikhina

Der antike Stoff des "Idomeneo" erzählt die Geschichte des Königs von Kreta, der bei einem schweren Meeressturm die Götter mit einem Schwur besänftigt - mit dem Versprechen, den ersten Menschen, den er an Land treffen wird, zu opfern. "Idomeneo" begegnet aber als Erstes seinem eigenen Sohn; dies ist der Ausgangspunkt des dramatischen Grundkonflikts der Oper.

Luigi Cherubinis "Médée"

Einem weiteren antiken Sujet widmen sich die Salzburger Festspiele mit Luigi Cherubinis "Médée", ein Werk, das zwar im Jahr 2000 in konzertanten Aufführungen beim Festival an der Salzach präsentiert worden ist, in der Nachkriegsgeschichte aber nie szenisch.

Cherubinis Oper von 1797 - einst in der italienischen Fassung von Maria Callas maßstabsetzend gestaltet, in Salzburg in der französischen Originalfassung zu erleben - dreht sich um die zauberkundige Königstochter aus Kolchis, die in Korinth, betrogen und gedemütigt von ihrem Gatten Jason, aus Rache ihre beiden Kinder und die neue Geliebte ihres Mannes tötet. Médées Seelenqualen und innere Kämpfe stehen im Mittelpunkt dieser Tragödie.

"Oedipe" von George Enescu

Nach "Idomeneo" und "Médée" dreht sich die dritte Salzburger Opernpremiere - in der Mythologie verbleibend - um Ödipus, den Sohn des Königs von Theben, der seinen Vater tötet und später seine eigene Mutter ehelicht. Das Drama um Vatermord und Inzest, in den antiken Tragödien "König Ödipus" und "Ödipus auf Kolonos" von Sophokles verewigt, hat der rumänische Komponist, Violinist und Dirigent George Enescu für die Opernbühne bearbeitet; über 26 Jahre hatte sich die Fertigstellung der einzigen Oper des Komponisten hingezogen, 1936 hat die Uraufführung in Paris stattgefunden.

In den mittleren 1990er Jahren hat man eine "Oedipe"-Koproduktion der Deutschen Oper Berlin und der Wiener Staatsoper als "Wiederentdeckung des Jahres" gefeiert, bei den Salzburger Festspielen kommt die Tragédie lyrique in vier Akten in diesem Jahr zur dortigen Erstaufführung.

Jacques Offenbach: "Orphée aux enfers"

Dann hat beim Festival an der Salzach auch noch der mythologische Sänger und Dichter Orpheus seinen Auftritt - allerdings nicht in der hehren und eindringlichen Art, wie Christoph Willibald Gluck den die verstorbene Gattin aus der Unterwelt zurückführenden Helden beschrieben hat, sondern in der ironisch-satirischen Sicht von Jacques Offenbach, dem Vater der Operette.

Zum 200. Jahrestag des Geburtstags des aus Köln stammenden Wahl-Parisers Offenbach präsentieren die Salzburger Festspiele die zweifellos berühmteste Operette dieses Tonschöpfers: "Orphée aux enfers" - und die einfallsreiche Musik wird von den Wiener Philharmonikern unter dem Dirigenten Enrique Mazzola veredelt.

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