Eine Szene aus dem belastenden "Ibiza - Videos" in der Causa Strache

APA/SPIEGEL/SÜDDEUTSCHE ZEITUNG/HARALD SCHNEIDER

Ein Video lässt das Netz kopfstehen

Das Ibiza-Video hat sich im Internet rasant verbreitet. Soziale Medien, vor allem Facebook, wurden in den Tagen nach der Veröffentlichung und während des Regierungsumbruchs zur Bühne. Heinz-Christian Strache nützt nach seinem Rücktritt als FPÖ-Chef und Vizekanzler Facebook für seine Gegen-Erzählung, die Fans bleiben ihm treu. ÖVP-Chef Sebastian Kurz gibt viel Geld für Wahlkampf aus, während es um die SPÖ eher still ist.

"Ich werde aus Protest und Trotz Heinz-Christian Strache meine Stimme geben, und ich fordere euch auf, wenn ihr Österreicher seid, es mir gleich zu tun." Das war der Wahlaufruf von Martin Sellner auf YouTube. Der Chef der rechtsextremen Identitären in Österreich twittert außerdem: "Unsre Rache. Vote Strache." Der Hashtag #votestrache verbreitet sich in den Medien der rechten Szene. Trotz Ibiza-Video schafft Heinz Christian Strache 45.000 Vorzugsstimmen und damit ein EU-Mandat.

"Der Sellner‘sche Aufruf hat sicher dazu geführt, dass Herr Strache so viele Vorzugsstimmen bekommen hat", sagt der Kommunikationsexperte Roland Puck.

Gegen-Erzählung des Gescheiterten

Strache nützt seinen Facebook-Account mit 800.000 Fans, um von seinen Aussagen im Ibiza-Video abzulenken. Immer wieder postet Strache, dass es sich um "ein niederträchtiges politisches Attentat" und "gezielten Rufmord" handle. Er kümmere sich jetzt um die "restlose Aufklärung der Hintergründe und Hintermänner". Die Fans bleiben treu. Jahrelange Social-Media-Aufbauarbeit mache sich bezahlt, sagt Digital-Expertin Ingrid Brodnig.
"Da sieht man, dass es einer Partei sehr viel bringt, wenn sie sich über Jahre hinweg eine getreue Gefolgschaft aufbaut. In der Krise kann ich diese Community dann nutzen", sagt Brodnig.

Fellner und die FPÖ rücken zusammen

Strache und Ex-Innenminister Herbert Kickl posten auch die Vermutung, Geheimdienste würden hinter dem Video stecken. Etwa einen Link zu einem Interview auf oe24.TV, wo ein selbsternannter Investigativ-Journalist im Gespräch mit Österreich-Herausgeber Wolfgang Fellner versucht, die Spur zum Bundesamt für Verfassungsschutz und Terrorismus zu führen. BVT-Chef Gridling sieht dafür keine Hinweise, Fellner freut sich über die Aufmerksamkeit.

oe24-Postings wurden von FPÖ-Politikern schon immer gern geteilt. Nach dem Zerwürfnis mit der "Kronen Zeitung" könnte Fellner nun von einer noch engeren Freundschaft mit der FPÖ profitieren.

Wenn Strache zum Risiko wird

Der Strache-Account war bis jetzt das Herzstück der blauen Kommunikation im Netz. Die Seite gehört laut Impressum der FPÖ. Es ist unklar, was diese damit zu tun gedenkt, wenn Strache einmal nicht mehr in ihrem Sinne handeln sollte. "Wenn die Führungsfigur in den größten Skandal seit Jahrzehnten verwickelt ist, dann ist das ein riesiges Problem. Da sieht man übrigens, dass das sehr riskant ist, wenn eine Partei nur auf den Parteichef setzt", so Brodnig.

Die ÖVP hat nur Sebastian Kurz

Auch die ÖVP setzt in den Sozialen Medien alles auf eine Karte, und das ist Sebastian Kurz - auch er erreicht etwa 800.000 Fans. Die sind der ÖVP momentan viel wert: Bis zu 5000 Euro ließ sich die ÖVP zum Beispiel ein einziges Posting samt Link zu einem Artikel in der Kronenzeitung kosten. Titel: "Exklusiv-Umfrage: Kurz hebt ab, SPÖ bricht ein." Eine Million Zugriffe kann das Posting dadurch erreichen, diese Zahlen weist Facebook seit einigen Monaten aus. Innerhalb von sieben Tagen hat die ÖVP zuletzt knapp 38.000 Euro in Facebook-Werbung gesteckt.

Siegerfoto ohne Karas im Dauereinsatz

Getrommelt wird vor allem eine Botschaft: "Das Parlament hat bestimmt, das Volk wird entscheiden." Das sei "eine sehr problematische Zuspitzung, denn er konstruiert einen Widerspruch, den es nicht gibt", beobachtet Petra Bernhardt, Expertin für visuelle Kommunikation an der Uni Wien.

Nach dem guten Abschneiden der ÖVP bei der EU-Wahl postet Kurz ein Bild von sich auf der Bühne vor der Parteizentrale, von hinten aufgenommen vor einer jubelnden Menschenmenge, ohne Spitzenkandidat Othmar Karas. Genau dieses Bild verwendet die ÖVP nun weiter, um Slogans wie "Unser Weg hat erst begonnen" zu posten. Das Bild erweise sich als sehr nützlich, sagt Bernhardt, es soll zeigen: "Jetzt wurde unser strahlender Sieger gestürzt."


Wo bleibt die SPÖ-Spitzenkandidatin?

Der Wahlkampf der ÖVP läuft im Netz bereits auf Hochtouren und setzt auf Kurz, meisterlich inszeniert. Kurz ist in den Sozialen Medien auf Flughöhe, was SPÖ-Chefin Pamela Rendi-Wagner nicht von sich behaupten kann. Sie ist erst seit zwei Jahren auf Facebook aktiv und hat erst 96.000 Fans. Roland Puck hat die Facebook-Auftritte in den vergangenen Wochen beobachtet und stellt fest: Rendi-Wagner sammelt derzeit am schnellsten neue Fans.

Dennoch bewirbt die Partei ihren Account kaum: Während die ÖVP in sieben Tagen 38.000 Euro ausgegeben hat, waren es bei der SPÖ in der Vergleichswoche gerade einmal 120 Euro. Puck: "Selbstverständlich hilft das Sebastian Kurz und schadet das Rendi-Wagner und der SPÖ, dass sie die Diskussion jetzt nicht nutzen und ihre Botschaften nicht platziert bekommen."

Facebook ist das Kondensat einer Partei

Der SPÖ fehlen markante Bilder, sagt Petra Bernhardt. Auch inhaltlich fehle eine klare Linie, findet Ingrid Brodnig. "Facebook ist das Kondensat einer Partei. Facebook ist nicht so kompliziert, da sollten sie nicht über zehn oder drei Dinge reden. Am besten sie reden immer nur über ein Ding. Bei der SPÖ ist derzeit unklar, was ist dieses eine Ding."

Die Kommunikationsexperten der SPÖ feilen derzeit an einer Strategie für den Wahlkampf vor der Nationalratswahl im September und wollen ihr Social Media Team aufrüsten. Man wolle jedenfalls auf Themen setzen und keinen Personenkult betreiben, sondern auch die Partei-Accounts stärken, heißt es. Viel Zeit ist dafür nicht mehr.

Millionen für den Wahlkampf im Netz

Nicht nur auf Facebook wird wahlgekämpft, auch auf Instagram, Twitter und YouTube. Auf YouTube sind es vor allem Werbefilme, in die die Parteien investieren, allen voran wieder die FPÖ. Wieviel Geld die Parteien dafür insgesamt in die Hand nehmen, kann nur geschätzt werden. Brodnig geht davon aus, dass es eine Million Euro sein könnte. Puck rechnet sogar mit drei bis fünf Millionen Euro, weil der Social-Media-Anteil an den Wahlkampfkosten bei allen Parteien stetig steigt.

Facebook und Google weisen zwar neuerdings Zahlen aus, aber da ginge noch mehr. Die Parteien müssten per Gesetz zur Transparenz verpflichtet werden, man könne sich hier nicht allein auf die US-Konzerne verlassen, so Puck und Brodnig.

Mehr Transparenz auch für Social Media

"Wer hat wann wieviel Geld für welche Werbeleistung bekommen", das sollten die Parteien ausweisen müssen, sagt Puck. Und Brodnig ergänzt, das könnte zum Beispiel alle zwei Wochen erfolgen, die Parteien müssten auch den Link zur Werbung ausweisen und die Information, welche Gruppen sie damit gezielt durch Targeting angesprochen haben. Die Diskussion über Parteienfinanzierung und Wahlkampfkosten, angeheizt durch die Ibiza-Affäre, sollte also Social Media nicht ausblenden.

Übersicht