JournalistInnen mit Mundschutz

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Der Mundschutz als Maulkorb

Die Pandemie war ein Schlag, den alle verdauen mussten. Die Politik hat nie dagewesene Maßnahmen gesetzt, die Bürgerinnen und Bürger sind zu Hause geblieben. Und die Journalisten? Die haben gut informiert, aber wenig kontrolliert. #doublecheck hat hingeschaut, was das Virus mit der Branche gemacht hat.

Nur keine kritischen Fragen, das scheint beim Ausbruch des Corona-Virus in Österreich die Devise gewesen zu sein. Wer die Maßnahmen der Regierung angezweifelt hat, wurde angefeindet. Florian Klenk vom "Falter": "Die einen wollen, dass wir jetzt bitte einmal die Goschn halten und die Maßnahmen der Regierung nicht in Frage stellen, weil es geht ja um Menschenleben. Und die anderen sagen: Ihr feigen Journalisten seid von Inserenten gekauft und predigt nur nach, was die Regierung will."

Er habe seine Lektion gelernt, sagt der "Falter"-Chefredakteur. In der Krise brauche es einfach noch mehr journalistisches Fingerspitzengefühl als sonst.

Sebastian Kurz und Werner Kogler

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Oder man lehnt sich nicht so weit raus

Oder man lehnt sich eben nicht so weit hinaus. Ö1 hat über ein Protokoll des Krisenstabs berichtet, aus dem man herauslesen konnte, was in den Wochen des Lockdowns von jedem beobachtet werden konnte: Der Kanzler setzt auf Angstparolen. Sein Umfeld hat das Protokoll in Zweifel gezogen, man hätte auch dazu stehen können. Aber es gab mediale Rückendeckung, etwa von der "Kleinen Zeitung" – die zweitgrößte Kaufzeitung des Landes: "Das vereitelte Massensterben, der verhinderte Abtransport der Leichen in Sattelschleppern haben als Argument retrospektiv Beweisnot, die Realität der wirtschaftlichen Verheerungen hat keine", schrieb Chefredakteur Hubert Patterer.

Kurz und die Schließung der Virus-Route

Dabei ist Bundeskanzler Sebastian Kurz von der Richtigkeit seines Tuns so überzeugt, dass er das via CNN die ganze Welt wissen ließ: "We were faster than others and our reaction was tougher than in other countries." Die Sprachwissenschafterin Ruth Wodak fühlt sich die Kurz-Linie während der Flüchtlings-Krise erinnert, als die "Schließung der Balkanroute" zu einem geflügelten Wort wurde – und zum Markenkern des damaligen Außenministers und Noch-nicht-ÖVP-Chefs. "So ähnlich wie Balkanroute wird jetzt Virus-Route kommen", sagt Wodak.

Innenminister Karl Nehammer (ÖVP), Vizekanzler Werner Kogler (Grüne), Bundeskanzler Sebastian Kurz (ÖVP) und Gesundheitsminister Rudolf Anschober (Grüne)

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"Die Medien haben sich bespielen lassen"

Der Befund der Sprachwissenschafterin über die Rolle der Medien in der Krise ist vernichtend: "Ich habe den Eindruck, die Medien werden bespielt, und sie lassen das zu." Christoph Kotanko, früher Kurier-Chefredakteur und jetzt Wien-Chef der Oberösterreichischen Nachrichten, bestätigt das: "Wir haben uns auf die Erzählungen der Bundesregierung zu stark eingelassen und haben die Grundmelodie, die da gespielt wurde, zuwenig hinterfragt." Und Kotanko zitiert den früheren deutschen Kanzler Willy Brandt: "Wenn der Journalismus harmlos wird, dann kann er abdanken."

Das ORF-Fernsehen unter harter Kritik

Der Innenpolitik-Routinier Kotanko bezieht das auch auf den ORF, vor allem das Fernsehen stand wegen der extensiven Übertragung der zahlreichen Regierungspressekonferenzen unter Kritik. Michael Fleischhacker von Addendum: "Dann wird halt der öffentlich-rechtliche Rundfunk schnell zum Staatsrundfunk, weil er zur Hauptplattform der Verkündigungspolitik der Regierung wird. Ob man wirklich jede dieser Pressekonferenzen, die zum Teil je erschütterndes Niveau hatten, live übertragen muss, als ob Krieg wäre – das kann man schon in Frage stellen."

Zwischen Rekord-Quoten und Einordnung

ORF2-Chefredakteur Matthias Schrom weiß, dass das doppelschneidig war und ist. "Die Pressekonferenzen sind auf großes Interesse gestoßen, das zeigen die Quoten. Auch alle Privatsender haben das live übernommen. Wir haben versucht, das dann immer gleich einzuordnen." Dass sich der Kanzler zum obersten Krisenkommunikator gemacht habe, sei vom ORF ja nicht beeinflussbar gewesen, so Schrom. Kurz sei in mehreren ZIB-Interviews jedenfalls durchaus kritisch befragt worden. Seine Botschaft "Bald wird jeder jemanden kennen, der an Corona verstorben" ist, hat der Kanzler aber immer rübergebracht.

Das problematische Angst-Narrativ

Dass das auch noch zu Ostern getrommelt wurde, so wie der vom Innenminister geprägte Begriff "Lebensgefährder" für jene, die die Regierungsmaßnahmen anzweifelten, das hält Michael Fleischhacker für inakzeptabel. "Dieses Angst-Narrativ aufrechtzuerhalten und immer noch von italienischen Verhältnissen zu reden, obwohl inzwischen jeder weiß, dass es die hier nicht geben kann – das ist dann problematisch."

Die Medien-Branche mit Krisen-Handikap

Dass es der Regierung gelungen ist, diese Geschichte zu erzählen, hat auch mit den schlechteren Arbeitsbedingungen zu tun - die Redaktionen im Home Office, viele auch in Kurzarbeit, weil der Lockdown die Verlage finanziell wie ein Keulenschlag getroffen hat. Und dazu die Kommunikations-Profis der Regierung, die die Message Control - koste es, was es wolle - jetzt erst so richtig hochgezogen haben. Gezielte Hintergrundgespräche, die Pressekonferenzen mit Mundschutz und hinter Plexiglas, was den Fluss der kritischen Fragen auch im Zaum hält, die immer gleichen Verweise darauf, dass man sich mit "Nebensächlichkeiten" erst nach der Krise befassen könne.

Schadenersatz-Millionen im Hinterkopf

Und Stichwort finanzieller Keulenschlag: Die Regierung ist mit einer Sonderförderung für die Medien und einer 15 Millionen Euro schweren COVID-Kampagne eingesprungen, nachdem ihre Maßnahmen zu massiven Einbrüchen bei den Inseratenumsätzen geführt haben. Das haben viele in der Branche im Hinterkopf, wenn es um die Bewertung der Regierungsarbeit geht. Spannend zu beobachten war dieser Tage, dass ein Branchenmagazin ausgerechnet den Medienbeauftragten des Kanzlers, der die finanzielle Unterstützung in der Krise organisiert hat, zum "Marketingleiter des Jahres" gekürt hat.

Üblicherweise nimmt von solchen Rankings nur ein kleiner Kreis Notiz. Diesmal war es der regierungsfreundlichen "Kronen Zeitung" eine größere Geschichte wert.

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