Alexander Kluge

AP/MICHAEL SOHN

Alexander Kluges "Russland-Kontainer"

Als Chronist des 20. Jahrhunderts wird der Autor und Filmemacher Alexander Kluge gefeiert. Mehr als 30 Filme hat der Mitbegründer des "Neuen Deutschen Films" gedreht, Klassiker wie "Abschied von gestern" oder "Die Artisten in der Zirkuskuppel: ratlos". Für seine literarische Arbeit wurde er mit dem Büchner-Preis ausgezeichnet; sein Opus Magnum: die "Chronik der Gefühle". Kluge selbst bezeichnet sich als Geschichtensammler, und dem Prinzip des Sammelns folgt auch das neue Buch des 88-Jährigen, der "Russland-Kontainer".

Kulturjournal | 18 05 2020 | Alexander Kluge im Gespräch

"Ich fange an zu erzählen, noch bevor ich etwas weiß" - dieser Satz steht am Beginn. Und weiter schreibt Alexander Kluge: "Allem, was mich verwirrt an meinem eigenen Land und was ich an meinen unmittelbaren Erfahrungen nicht verstehe, kann ich versuchen näherzukommen, indem ich von einem mir fremden Land erzähle." Und im Gespräch fügt er erklärend hinzu: "Im Gewohnten, wo ich glaube alles zu wissen, da suche ich nicht."

Suchend nähert sich Alexander Kluge denn auch der "Wunderkammer" Russland an - als Sammler und Geschichtenerzähler, mit einer Vielzahl von Episoden und Bildern, mit Wortfeldern und Filmstills, Autobiografischem und Tagebuchnotizen.

Buchumschlag

SUHRKAMP VERLAG

Runter vom hohen Sockel

"Das Unbekannte kann man am besten beschreiben, indem man von diesem hohen Sockel des Autors ein Stück runtergeht", meint Alexander Kluge, "diese bescheidenere Haltung entspricht etwa der der Brüder Grimm, wie sie ihre Märchen gesammelt haben."

Hier lesen wir von Kriegen und politischen Utopien, von Revolution und Raumfahrt, vom sowjetischen Zirkuswesen, der Niederlage Napoleons oder von der verlorengegangenen Perestroika - in 200 Kapiteln auf 450 Seiten mit einem 40-seitigen Anmerkungsteil samt QR-Codes, die in russische Opern und zu Filmen führen.

Tagebuch-Eintrag Alexander Kluge, 21. Dezember 2018: "Auf die Frage, warum ich keine Romane schreibe, erwidere ich: Was ich schreibe, sind Romane. Romane sind ihrem Prinzip nach Sammlungen." Dem Leser, der Leserin ist es überlassen, aus den Puzzleteilen ein Bild zu bauen. "Russland-Kontainer" ist jedenfalls kein Buch für Russland-Anfänger, einiges an Wissen wird vorausgesetzt.

Eine unmittelbare Erfahrung

Alexander Kluge zitiert dazu einen Leitsatz der Dadaisten: "Einen schönen Satz, dem ich sehr anhänge: 'Mit einer Straßenkarte von Groß-London den Harz durchwandern.' Ich komme aus dem Harz, und ich kann Ihnen sagen, Sie würden mit Sicherheit in irgendeine Kuhle fallen und sich den Arm brechen. Das wäre eine unmittelbare Erfahrung, und die würden Sie sich merken."

Eine unmittelbare Erfahrung - das garantiert auch diese wunderbare und erhellende Reise mit Alexander Kluges Kontainer durch die russischen Weiten.

Service

Alexander Kluge, "Russland-Kontainer", Suhrkamp

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