Eine Bühne aus Papier

ORF/JOSEPH SCHIMMER

Du holde Kunst - die älteste Radiosendung Österreichs wird 75

Am 14. Oktober 1945 wurde zum ersten Mal die Sendung "Du holde Kunst" in der US-amerikanisch kontrollierten Sendergruppe Rot-Weiß-Rot in Salzburg ausgestrahlt. Wie wird die älteste Radiosendung Österreichs heute gemacht?

Alles beginnt mit der Auswahl der Gedichte, wobei hier nur die Endphase, also die Entscheidung, was in welcher Reihenfolge in die Sendung soll, gemeint ist. Denn das Lesen, Suchen und Konzipieren ist eine (wunderbare!) Daueraufgabe. Bei der Auswahl der Gedichte geht es um das, was man als Kanon bezeichnet. Den kann man schwerlich als etwas Endgültiges begreifen, er ist in Bewegung, das gilt für den Begriff wie für den Inhalt des Kanons.

Dem Sendungskonzept entsprechend lautet das Auswahlkriterium: Qualität, die durch die Zeiten geht.

Die wunderbare Wandelbarkeit des Kanons

Demnach wird Lyrik von Renaissance bis Romantik, die für die jüngere Generation der Hörerinnen und Hörer schon exotischen Charakter hat, präsentiert, wie auch jene aus der (auch jüngeren) Moderne, von der das "Hermetik"-Etikett abgelöst werden soll. Introspektives, Philosophisches und Unterhaltsames sollen Platz finden, Deutsch- und Fremdsprachiges (Letzteres, sofern gute Nachdichtungen vorliegen), der Anteil der Dichterinnen soll gehoben, Senderschwerpunkte berücksichtigt werden. Jeder Sendung liegt eine Idee zugrunde, die sich in einem dramaturgischen Bogen durch die ganze Dreiviertelstunde zieht.

Friedrich Schiller: "Die Hoffnung"

Wie sich die Interpretation von Gedichten im Laufe der Jahrzehnte geändert hat, zeigt dieses Beispiel. Schillers "Hoffnung" einmal gelesen von Will Quadflieg und anschließend von Elisabeth Orth.

  • Will Quadflieg

    Will Quadflieg

    APA/DPA/STEFAN HESSE

  • Elisabeth Orth

    Elisabeth Orth

    ORF/JOSEPH SCHIMMER

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Zwerge auf den Schultern von Riesen

Die Hälfte der Sendungen sind Wiederholungen, also mit neuen Moderationen versehene, bearbeitete Sendungen aus dem Archiv. Dies geschieht nicht nur aus budgetären Gründen. Es wäre fahrlässig, ein so reichhaltiges, mit Kostbarkeiten gefülltes Archiv nicht miteinzubeziehen. Für die Sendungsmacherin ist dies außerdem die Gelegenheit, sich mit den Vorgängern und Vorgängerinnen in Relation zu setzen. Die Latte liegt hoch: die geistesgeschichtliche Stringenz in der Text- und Musikauswahl bei Klaus Gmeiner, der Fokus auf Lyrikerinnen und Sprecherinnen bei Edith Vukan - um nur zwei zu nennen.

Die Stimme zum Gedicht

Steht das Lyrikprogramm, wird ein Schauspieler oder eine Schauspielerin engagiert - eine für das Gelingen der Sendung entscheidende Sache. Welche Stimme eignet sich für welche Gedichte? Nimmt das lyrische Ich eine männliche oder weibliche Perspektive ein? Oder eine geschlechtslose? Kann den Gedichten vielleicht ein neuer Aspekt abgewonnen werden, wenn quer besetzt wird?

Markus Meyer

Markus Meyer

ORF/URSULA HUMMEL-BERGER

Jean Paul: "Wallet nur hin …" gelesen von Markus Meyer

Dieses ist nur eines von zahlreichen Gedichten, die am Ö1 Lyriktag, dem 14. Oktober 2020, also dem "Geburtstag" der Ö1 Sendereihe "Du holde Kunst" in sein Programm einstreuen wird - lyrische Zufallsfunde im Strom des alltäglichen Hörerlebens.

Lyrik zu lesen ist eine sehr spezielle Disziplin der Schauspielerei. Musikalität, klare Artikulation, Emotionsdisziplin sind gefragt - und der geübte Umgang mit dem Mikrofon. Die Sprechhaltung ist eine andere als die auf der Bühne. Es wird weniger hinausgesprochen als hinein.

Endlich, die Aufnahme

Im Studio dann nach einer Vorbesprechung, in der Interpretationsansätze und Aussprachefragen geklärt werden, das Einrichten des Mikrofons, wobei der Tonmeister oder die Tonmeisterin manchmal den Raum etwas umbaut. Manche Schauspieler/innen lesen im Stehen, manche im Sitzen, manche mit Kopfhörer, manche ohne. Dann die Tonprobe. Und los geht die Aufnahme. Ungefähr zehn Gedichte werden aufgenommen, jedes in mehreren Varianten. Viele Entscheidungen müssen in kurzer Zeit getroffen werden: Fiel das Knacken der Lampe noch in die Sprechpause und kann weggeschnitten werden, oder war es schon unter den Wörtern? Soll wegen einer kleinen Undeutlichkeit der gerade perfekte Sprechfluss unterbrochen werden? Wie lang kann man nutzbringend an einem Gedicht feilen? Diese Entscheidungen trifft die Redakteurin, jedoch immer im Gespräch mit dem/der Tontechniker/in, dessen/deren feine Ohren nicht nur auf Pegel und Störgeräusche ausgerichtet sind.

Dörte Lyssewski im Ö1 Studio

Dörte Lyssewski

ORF/URSULA HUMMEL-BERGER

Rainer Maria Rilke: "Spiegelungen" gelesen von Dörte Lyssewski

Auch dieses Gedicht finden Sie - mit ein wenig Glück und Aufmerksamkeit - am Ö1 Lyriktag im Programm von Österreich 1.

Am Ende empfiehlt es sich, die ersten Gedichte nochmals aufzunehmen, denn Schauspieler/innen pflegen im Laufe der Aufnahme besser und besser zu werden.

Die Musikredaktion betritt das Feld

Nachdem die Gedichte geschnitten sind, kommen die Musikredakteurinnen ins Spiel - zurzeit hauptsächlich Stephanie Maderthaner und Beate Linke-Fischer. Sie hören sich die Aufnahme Gedicht für Gedicht an und suchen das jeweils passende Musikstück dazu, das die Atmosphäre des Gedichts vermitteln, gleichzeitig aber zum nächsten überleiten soll. Daher gibt es keine Nennung von Musiktiteln und Komponisten dazwischen, der Fluss der Sendung würde dadurch ins Stocken geraten.

Zwei Frauen hinter einer HiFi-Anlage

Stefanie Maderthaner (Musik) und Gudrun Hamböck (Literatur) bei der Arbeit

ORF/JOSEPH SCHIMMER

Alles ist Maßarbeit

Sobald alle Musikstücke gefunden sind, wird die Sendung zusammengebaut. Erst jetzt kann der Moderationstext verfasst werden, da seine Länge auf die Sekunde abgemessen sein muss. Seit einigen Jahren ist er keine bloße An- und Absage mehr, sondern bietet eine kleine Einführung, womit sich die Sendung auch einer weniger bekannten und zugänglichen Lyrik öffnen konnte. Dafür musste die Aufzählung der Musiktitel am Ende geopfert werden. Sie findet sich aber auf der Ö1 Website.

Die Sendemanuskripte werden außerdem vom Hörerservice auf Wunsch zugeschickt. Nachdem die Moderation aufgenommen und geschnitten, die Sendung nachgepegelt, auf Länge gebracht und noch einmal abgehört wurde, ist sie fertig für die Abwicklung.

Die Mitarbeiter/innen

Alle Menschen, die an dieser ungebrochen erfolgreichen Sendereihe mitwirken, ob im Vordergrund, wie die Schauspielerinnen und Schauspieler, oder im Hintergrund, von Andrea Tompa, in deren Händen die Rechteklärung liegt, über die Tonmeister und Tonmeisterinnen bis zu den Sprecherinnen Nina Strehlein, Aimie Rehburg und Ursula Scheidle - alle diese Kolleginnen und Kollegen haben die Fähigkeit, sich von Dichtung berühren zu lassen.

Und die Producerin ist sich bewusst, dass sie in einer langen Reihe von Enthusiasten und Enthusiastinnen steht, die seit 75 Jahren diese älteste Radiosendung Österreichs produzieren. Man nimmt hier die Haltung eines Aristokraten an, der weiß, dass sein Schloss schon lang vor seiner Geburt stand und nach seinem Tod noch stehen wird, als dessen Besitzer er zwar im Grundbuch steht, auf dem er aber eigentlich nur ein Gast ist, der den vielen Schätzen darin ein paar Kleinodien hinzufügen kann.

Text: Gudrun Hamböck, Ö1 Literaturredakteurin und Producerin von "Du holde Kunst"

Service

Friederike Gösweiner, "Du holde Kunst. Literaturvermittlung im Radio", Königshausen und Neumann, 2012

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