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Radiokolleg
Digital abgehängt
Die Digitalisierung hat viele analoge Möglichkeiten verdrängt, vom Bezahlen bis zu Behördenwegen, und setzt damit voraus, dass alle Menschen Geräte bedienen, online navigieren und ständig neue Updates bewältigen können. Wo analoge Alternativen verschwinden, entsteht Ausgrenzung: nicht, weil Menschen "zu wenig können", sondern weil Systeme wenig Rücksicht darauf nehmen, dass Lebensrealitäten, Körper und Gewohnheiten unterschiedlich sind.
2. Februar 2026, 10:02
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Der Klick, der zur Hürde wird. Ein Wischen, ein Tippen, ein Update: Viele Alltagswege setzen heute digitale Routine voraus. Digitalisierung wird gern als Komfortgeschichte erzählt: Wer online zahlt, bucht und verwaltet, ist schneller dran. Die Systeme nehmen dabei allerdings wenig Rücksicht darauf, dass Lebensrealitäten, Körper und Gewohnheiten unterschiedlich sind. Wer nicht mitkommt, verliert Zeit, Geld und mitunter den Zugang zu zentralen Bereichen des Alltags. Ein struktureller Druck, der wächst, weil digitale Dienste zunehmend zur Voraussetzung werden. Bankfilialen schließen, Fahrpläne und Tickets wandern in Apps, Behörden setzen auf digitale Identitäten. Analoge Alternativen existieren oft noch, werden aber schrittweise zurückgedrängt oder verteuert.
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Teurer wird, wer analog bleibt
Formal bleibt die Wahlfreiheit bestehen, faktisch wird Teilhabe an digitale Nutzung gekoppelt. Diese hat in den vergangenen Jahren zahlreiche analoge Optionen verdrängt, vom Bezahlen über das Reisen bis zu Behördenwegen; man setzt damit stillschweigend voraus, dass alle Menschen Geräte bedienen, sich online orientieren und mit einer permanenten Folge von Updates, neuen Interfaces und Sicherheitsanforderungen umgehen können.
Wer etwa am Schalter kauft statt online, wer telefonisch einen Termin braucht statt per App, spürt schnell: Wahlfreiheit ist formal vorhanden, faktisch aber mit Nachteilen belegt. Daniela Grabovac, Leiterin der Antidiskriminierungsstelle Steiermark, nennt als Beispiel die „Online-only-Tarife“ bei Strompreisen. Vergünstigungen, die es nur gibt, wenn man einen Vertrag online abschließt. Wer diese Hürde nicht schafft, zahlt drauf.
Politisch wird darauf mit Barrierefreiheitsvorgaben und Schulungsprogrammen reagiert, die den Zugang verbessern sollen, aber das Grundproblem nur teilweise lösen. Denn nicht jede Person kann oder will die Alltagskompetenzen permanent an die sich wandelnden Systeme anpassen. Denn die Tools, die Erleichterung versprechen, kehren sich oft in das Gegenteil und der Umgang mit den Werkzeugen selbst wird zur Hauptaufgabe; Zeit und Aufmerksamkeit fließen nicht in das Erledigen einer Angelegenheit, sondern in das Verstehen von Apps, Menüs und Fehlermeldungen und stellen somit keine bewusste Entscheidung für Technik dar, sondern eine Voraussetzung, der man sich kaum entziehen kann. Und die Frage nach Teilhabe wird damit auch zu einer Frage nach Rechten: ob zentrale Alltags- und Verwaltungsleistungen dauerhaft auch ohne digitale Voraussetzungen zugänglich bleiben müssen.
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"The computer says no" - und niemand ist mehr zuständig
Grabovac beschreibt, wie sich seit der Corona-Zeit Beschwerden über digitale Diskriminierung stark gehäuft haben. Es gehe um Arzttermine, die nur online vergeben werden, um verschwindende Filialen, fehlende Bankomaten und um das Gefühl, dass Verantwortung von dem System auf die Einzelnen abgeschoben wird. Statt Ansprechpersonen oder Stellen vor Ort, die bei kleineren oder größeren Problemen helfen sollen, sind es Chatbots, die die Anliegen von Kundinnen und Kunden bearbeiten. Wer sein Problem nicht in die vorgesehenen Kategorien übersetzen kann, wer Abweichungen nicht korrekt anklickt oder an einer Fehlermeldung scheitert, bleibt stecken. Für individuelle Lebenslagen, Brüche oder Missverständnisse ist wenig Platz.
Digitale Technologien besitzen ein enormes Potenzial: Sie können Wege verkürzen, Abläufe erleichtern, Autonomie schaffen. Doch sie verlieren ihre Qualität, wenn sie vom Mittel zum Maßstab werden. Eine kluge Digitalisierung erkennt ihre eigenen Grenzen. Sie erweitert Möglichkeiten, ohne andere auszuschließen, und lässt Raum für Alternativen dort, wo Technik nicht entlastet, sondern überfordert. Die Digitalisierung kann vieles, alles darf sie nicht sein.
Gestaltung
- Sarah Kriesche
