Im Gespräch

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"Der Kapitalismus ist zu einer Kampfansage an die bürgerliche Welt geworden". Michael Kerbler spricht mit dem Rechts- und Staatswissenschafter Wolfgang Hetzer

Ein Blick auf die Geschichte des 20. Jahrhunderts zeigt: wirtschaftliche und ethnische Probleme sowie staatlicher Machtzerfall waren stets Vorboten für regional begrenzte Kriege, aber auch für beide Weltkriege. Der Zerfall der Habsburgermonarchie, des Sowjetimperiums und Jugoslawiens haben vor Augen geführt, dass die exorbitanten ökonomischen Kosten und wirtschaftlichen wie sozialen Verwerfungen, die das Auseinanderbrechen zur Folge hatte, den Untergang der Staatenbünde nicht verhindert haben. So wie Univ. Prof. Jelena Volic, die in der vergangenen Woche hier zu Gast war, sehen auch andere Historiker und Politikwissenschaftler Parallelitäten zwischen den ersten feinen Bruchlinien im Staatsgefüge Jugoslawiens damals und der Europäischen Union heute. Die Destabilisierung der Europäischen Union wird durch die Finanzkrise, die Eurokrise aber auch durch Erosion des demokratischen Fundaments vorangetrieben.

Wolfgang Hetzer - er war zehn Jahre lang Abteilungsleiter im Europäischen Amt für Betrugsbekämpfung, kurz OLAF, in Brüssel - hat schon in seinem 2011 veröffentlichten Buch "Finanzmafia - Wie Banker und Banditen unsere Demokratie gefährden" scharfe Kritik an den internationalen Finanzmärkten geübt. "Die pflichtwidrige Vernichtung fremden Kapitals ist eine Straftat". Von dieser Feststellung des damals amtierenden deutschen Bundespräsidenten Wulff ausgehend stellte Hetzer die Frage, inwieweit die von den internationalen Finanzmärkten ausgehenden Verheerungen Folgen von Korruption, Inkompetenz und kriminellen Aktivitäten sind. Hetzer geht es darum, dass die Justiz in die Lage versetzt wird, jene zu benennen und strafrechtlich zu verfolgen, die für die Finanzmisere verantwortlich sind. In seinem neuen Buch "FINANZKRIEG" wendet sich Hetzer erneut den Finanzmärkten zu, die sich seiner Einschätzung nach mittlerweile zu wirklichen Schlachtfeldern verwandelt haben, auf denen Stellvertreterkriege stattfinden. Hetzer wörtlich: "Die Schulden-, Kredit- und Zinspolitik von Regierungen, Zentralbanken, Geschäftsbanken und anderen Finanzinstitutionen hat zur Verbreitung von Brandherden geführt. Dort verglüht das durch langjährige harte und ehrliche Arbeit geschaffene Vermögen ganzer Generationen. Der Kapitalismus ist zu einer Kampfansage an die bisher überwiegend von der Leistungsethik bestimmte bürgerliche Welt geworden".

Im Gespräch mit Michael Kerbler geht es um die langfristigen Auswirkungen der Kriege der Finanzmächte auf die demokratischen Systeme und darum, welche Mittel der Politik noch zur Verfügung stehen, um für Staat und Bürger das zurückzuerobern, was teilweise schon verloren ist: souverän zu sein im eigenen Land.

Service

Wolfgang Hetzer, "Finanzkrieg: Angriff auf den sozialen Frieden in Europa", Westemd Verlag
(ISBN-10: 3864890225 bzw. ISBN-13: 978-3864890222)

Wolfgang Hetzer, "Finanzmafia: Wieso Banker und Banditen unsere Demokratie gefährden", Westemd Verlag (ISBN-10: 3938060700 bzw. ISBN-13: 978-3938060704)

John Kenneth Galbraith, "Eine kurze Geschichte der Spekulation", ins Deutsche übertragen von Wolfgang Riehl, Eichborn Verlag (ISBN-10: 3821865113 bzw. ISBN-13: 978-3821865119)

Dirk Müller, "Showdown - Der Kampf um Europa und unser Geld", Analyse, Verlag Droemer, München (ISBN-10: 3426276054 bzw. ISBN-13: 978-3426276051)

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