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Punkt eins
Sudetendeutsche: Spuren der Versöhnung
Erstmals findet der Sudetendeutsche Tag in Tschechien statt. Gast: Dr. Niklas Perzi, Historiker, Institut für Geschichte des Ländlichen Raums, St. Pölten. Moderation: Andreas Obrecht. Anrufe 0800 22 69 79 | punkteins(at)orf.at
22. Mai 2026, 13:00
Der 76. Sudetendeutsche Tag findet am Pfingstwochenende erstmals in Tschechien, in Brünn/Brno statt und sorgt für heftige politische Diskussionen. Zudem wird zwischen 21. und 31. Mai das Festival "Meeting Brno" mit musikalischen, künstlerischen und zeitgeschichtlichen Programmpunkten abgehalten. Für die einen stellt der Sudetendeutsche Tag in Brünn ein sichtbares Zeichen der Annäherung und der Versöhnung dar, für andere ist die Abhaltung auf tschechischem Territorium eine Provokation.
Teile der tschechischen Regierungskoalition haben die Organisatoren aufgefordert, die Veranstaltungen abzusagen, diese sind der Aufforderung nicht nachgekommen. Zudem ist eine Welle der hasserfüllten Ablehnung in den sozialen Medien von ultrarechten und -linken, aus der KP kommenden, sowie ultranationalistischen Gruppen losgetreten worden. Dessen ungeachtet hat auch Bayerns Ministerpräsident Markus Söder sein Kommen zugesagt und als Schirmherr der Sudetendeutschen am kommenden Sonntag eine Rede angekündigt.
Während der nationalsozialistischen Herrschaft wurden auf dem Gebiet der ehemaligen Tschechoslowakei schätzungsweise 320.000 bis 350.000 Menschen ermordet, die Mehrzahl waren Jüdinnen und Juden. Bei Vertreibungen und Zwangsumsiedelungen von deutschsprachigen Bewohnerinnen und Bewohnern nach dem Zweiten Weltkrieg in den Jahren 1945 und 1946 kamen an die 30.000 Menschen ums Leben. Von den drei Millionen Vertriebenen gelangten rund 250.000 nach Österreich. Der "Brünner Todesmarsch" vom 31. Mai 1945, dem zumindest 2.000 Menschen zum Opfer fielen, macht diese Stadt zu einem historisch besonders sensiblen Ort. Deshalb wird auch am Samstag, dem 23. Mai, ein Versöhnungsmarsch in Brünn stattfinden.
Grundlage der Vertreibung der deutsch-sprachigen Bevölkerung waren einige der sogenannten Benes-Dekrete, 143 Erlässe des Präsidenten der Tschechoslowakei im Exil in London und den unmittelbaren Nachkriegsmonaten, die später zu Gesetzen erklärt wurden. Die Benes-Dekrete sind heute noch gültig.
Jahrzehntelang herrschten diametral entgegengesetzte Narrative, die kaum zu einem differenzierten Verständnis der historischen Situation beigetragen haben. Auf Seiten der offiziellen Tschechoslowakei und später Tschechiens wurden die Sudetendeutschen als Kollaborateure des nationalsozialistischen Terrors während der Besatzung angesehen, auf Seiten der Sudentendeutschen war die entschädigungslose Enteignung, die Vertreibung und die aus Rache begangenen Gräueltaten an dieser Bevölkerungsgruppe ein unverzeihlicher Akt staatlichen Terrors. Von staatlicher tschechischer Seite, hat kaum eine kritische Aufarbeitung und Analyse der Geschehnisse stattgefunden.
Anders die Bemühungen der Geschichtswissenschaften: "Die ständige Konferenz österreichischer und tschechischer Historiker zum gemeinsamen kulturellen Erbe" ist ein bilaterales Wissenschaftsnetzwerk, das um eine Entideologisierung der jeweiligen Narrative bemüht ist und die Diskurse zu den Zwangsumsiedlungen in einen neuen Kontext stellt. Auch dank dieser Bemühungen ist die Beziehung zwischen Tschechien und den Sudetendeutschen in den vergangenen Jahren deutlich besser geworden. Zudem hat die Sudetendeutsche Landmannschaft ihre früheren Forderungen nach Rückgabe enteigneten Eigentums aus ihren Statuten gestrichen.
Der Historiker Niklas Perzi hat mehrere wissenschaftliche Bücher über die schwierige historische Situation verfasst und in seinem Buch "Die Benes-Dekrete - eine europäische Tragödie" deren auch ideologische Auswirkungen auf die widerstreitenden Diskurse analysiert. In dem 2019 erschienenen Buch "Nachbarn. Ein österreichisch-tschechisches Geschichtsbuch", das Niklas Perzi mit herausgegeben hat, wird die Geschichte der vergangenen zwei Jahrhunderte von 27 Historikerinnen und Historiker aus beiden Ländern dargestellt. Es geht um die Gemeinsamkeiten und um das Trennende, um das Zusammen- und Auseinanderleben der Bevölkerungsgruppen. Es werden dabei nicht zwei Nationalgeschichten nebeneinandergestellt, sondern bestimmte Entwicklungen analysiert, die da wie dort in die Gesellschaften eingeschrieben sind und auch zu viel Leid und Vorurteilen geführt haben.
Niklas Perzi, der überzeugt davon ist, dass nur vorurteilsfreies Verstehen und die Begegnung zwischen den Menschen zur Versöhnung führen, ist zu Gast bei Andreas Obrecht.
Wie immer freut sich die Redaktion über Beteiligung an der Diskussion, telefonisch unter 0800 22 69 79 oder unter punkteins(at)orf.at
Sendereihe
Gestaltung
- Andreas Obrecht
