"Ich bin eine Bettlerin des Wortes"

Gedichte, poetische Prosa und Hörspiele, in denen der Reichtum der Welt enthalten ist, all das ist im Werk von Friederike Mayröcker zu finden. Am 20. Dezember feiert die Grande Dame der österreichischen Literatur ihren 85. Geburtstag.

Friederike Mayröcker feiert am 20. Dezember 2009 ihren 85. Geburtstag, und oft wurde sie schon bisher als die "Grande Dame" der österreichischen Literatur bezeichnet. Mag sein, nur: Manche ihrer Texte wirken in ihrer Frische und Lebendigkeit so, als wären sie von einem jungen Mädchen geschrieben. Ein Alterswerk im Sinne einer abgeklärten Schreibweise, in der dann eine Art Summe über das Bisherige gezogen würde, liegt hier nicht vor.

Mayröcker ist in ihrem Schreiben stets im Aktuellen verfangen. In Worten, die die Autorin für diesen Prozess der Vergegenwärtigung selbst gefunden hat, könnte man sagen, dass ihr Schreiben mit einem jeden Prosa- und Gedichtband immer wieder neu beginnt.

Wege und Möglichkeiten

Mayröcker hat im letzten halben Jahrhundert der österreichischen Literatur die wahrscheinlich meisten Debüts vorgelegt, zusammengefasst in zwei beeindruckenden Sammlungen: Die fünf Bände der Gesammelten Prosa (2001) zeigen den Beginn mit surrealistisch inspirierten Kurzprosaarbeiten, über die sogenannten "totalen texte" der 1960er Jahre bis hin zu den großen Prosaarbeiten der letzten Jahrzehnte.

Insgesamt stellt diese Sammlung, später erweitert durch Prosabücher wie "Und ich schüttelte einen Liebling" (2005) und "Paloma" (2008), nicht nur ein Zeugnis der Bandbreite von Mayröckers Schreiben, sondern gleichzeitig ein Panoptikum der jeweiligen Wege und Möglichkeiten der österreichischen Gegenwartsliteratur dar.

Der Band der "Gesammelten Gedichte" (2003) ist nicht weniger eindrucksvoll: Er vereint auf mehr als 850 Seiten all das, was von der Autorin an Lyrik produziert wurde. Auch hier ein gigantisches Spektrum an Formen, jüngst ergänzt durch den neuesten Lyrikband "dieses Jäckchen (nämlich) des Vogel Greif" (2009).

Keine Handwerkerin

Erstaunlicher als das umfangreiche Korpus der Mayröcker'schen Texte ist die Tatsache, dass dieses Korpus für das momentane Schreiben der Autorin eine so geringe Rolle spielt. Sicher wurden im Laufe der Jahre Schreibtechniken und Verfahren entwickelt; zu einer Routine oder gar zu einem Handwerk jedoch ist das Schreiben für Mayröcker nicht geworden, und daraus erklären sich auch die vielen Brüche und Übergänge, die es in ihrem Gesamtwerk gibt.

Knapp nach 1970 war für Mayröcker der entscheidende Punkt erreicht. Mit der "erzählung" "je ein umwölkter gipfel" wandte sie sich vom rein Experimentellen ab und einer Vorstellung vom Schreiben zu, die ihre Prosa (von Buch zu Buch eindringlicher) bis heute bestimmt. So entstanden und entstehen dynamische Psychomontagen, in denen sich zwischen Leben und Schreiben nicht mehr unterscheiden lässt, verbunden mit einer maximalen Ent-Hierarchisierung des sprachlichen Materials.

Gegenüber den Zyklen und Rhythmen der großen Prosaarbeiten bietet das Schreiben von Gedichten eine kontinuierliche Begleitmaßnahme. Wie ein anhaltendes Tremolo legen sich die Mayröcker'schen Gedichte über die Prosabücher; in manchen Fällen greifen sie das dort vorhandene Wortmaterial auf und variieren es noch einmal, anders, neu.

Bitte keine Blumen!

In dem Gedicht "bin jetzt mehr in Canaillen Stimmung" listet Mayröcker Dinge auf, die man ihr am besten nicht schenkt:

ich freue mich nicht wenn mir jemand gepreszte Blumen
oder 200 Millionen Jahre alten Lavasand sendet
ich freue mich nicht über Blumen an meiner Tür
über Blumensträusze wenn jemand mich aufsucht –
solche Zeichen haben für mich jeglichen Sinn
verloren...


Über die Wirkung dieser Sätze konnte ich mir vor einigen Jahren selbst ein Bild machen: Bei einer jener hochrepräsentativen Literaturfeiern, die es in mittelgroßen bundesdeutschen Städten und freilich auch anderswo ab und zu gibt, hat Mayröcker sie ans Ende ihrer damaligen Lesung gesetzt. Die Assistentin des amtierenden Oberbürgermeisters (es war der von Darmstadt) hatte mit ihrem überdimensionalen Blumenstrauß zu diesem Zeitpunkt bereits die Mitte des Saales erreicht. Als die Assistentin hörte, was vorne auf der Bühne gerade gesagt worden war (keine Blumen!), bremste sie ihren nicht übermäßig schnellen Gang ab und nahm einen kleinen Umweg zu ihrem Chef in der ersten Reihe. Mit einem Blick erkundigte sie sich, was denn jetzt zu tun sei. Die Antwort des Mannes war knapp und klar: Weitermachen wie gehabt. Wenige Sekunden später hielt Friederike Mayröcker den Blumenstrauß in Händen. Mit sanfter Miene und professionell unbeholfen, blickte sie zuerst das in den letzten Minuten noch surrealer gewordene Pflanzending und später in ähnlicher Weise das Publikum an.

Als der lange Applaus zu Ende war, lag das unliebsame Geschenk, dem sein Dasein bislang nur halb verziehen war, auf dem Bühnentischchen. Dorthin war es von der Assistentin unter besonders augenfälliger Mithilfe des Herrn Oberbürgermeisters verfrachtet worden. Als sich die Dichterin ein letztes Mal verbeugte, verbeugte sie sich endlich ohne Ballast.