Generationen, Pensionen, Pflege

Arbeiten bis 72, Frauenpensionsalter angleichen, 24-Stunden-Pflege, Demenz, unfinanzierbare staatliche Pensionen - diese Themen machen europaweit Schlagzeilen. Experten werfen Politikern vor, nicht schnell genug auf die demographische Entwicklung in Europa zu regieren. "Zur Lage der Nation" geht den Fragen nach, wie selbstverständlich ist Altern in Österreich, wer zahlt für den Lebensabend und wie sehen das die Jungen?

Mittagsjournal, 3.9.2013

Alt und Jung unter einem Dach

Tür an Tür wohnen Christoph und Wilhelmine - nicht Außergewöhnlich für eine Wohngemeinschaft, möchte man meinen. Doch Christoph Kirchberger ist ein halbes Jahrhundert jünger als Wilhelmine Eppl. Die beiden wohnen in der Generationenwohngemeinschaft in Wien-Meidling. Alt und Jung unter einem Dach - das verändert die Perspektive. Österreichweit denken engagierte Vereine über Alternativen zum Seniorenheim nach wie etwa Kinderbetreuung in Seniorenheimen, erzählt Veronika Stegbauer vom Verein ÖJAB.

Soziale Kontakte verzögern Demenz und andere typische Alterskrankheiten, bestätigt auch die Wissenschaft. Altersforscher James Vaupel vom Max-Planck-Institut in Rostock: "Nicht nur die Lebenserwartung steigt, auch die Zahl der gesunden Jahre. Die meisten Menschen brauchen Hilfe und Pflege nur mehr am Ende ihres Lebens - rund fünf bis zehn Jahre. Die meisten der jetzt Neugeborenen werden ihren 100. Geburtstag erleben."

"Wer kann sich das leisten?"

Derzeit leben Männer in Österreich im Schnitt 78 Jahre, Frauen 83. Mit dem Wohlstand steigt der Reformdruck. James Vaupel: "Wenn Menschen künftig 100 Jahre leben, könne sie nicht mit 60 in Pension gehen. Wer kann sich das leisten? Und wer will schon 40 Jahre notgedrungen Freizeit haben?"

In den vergangenen zwölf Jahren hat Österreich mehr Pensionsreformen umgesetzt als nahezu jedes andere westeuropäische Land, sagt Brigitte Miksa. Sie erstellt im Allianz-Versicherungskonzern den Nachhaltigkeits-Pensionsindex: "Die österreichischen Rentner haben im europäischen Vergleich die größte Abhängigkeit vom Pensionseinkommen aus der ersten Säule - gut 80 Prozent des Alterseinkommens. Wer soll das bezahlen?"

Symbiose als Konzept

Zentraler Punkt ist die neue Bemessungsgrundlage in Österreich. 40 Jahre, nicht wie bisher die 15 Besten, sind die Basis für die Pension. Und das obwohl Männer bis 65 und Frauen bis 60 mit einer schrittweisen Angleichung bis 2024 arbeiten müssen. Doch dabei werde es nicht bleiben, diskutiert man in der Generationen-Wohngemeinschaft. Die Generationenwohnung ist eine Initiative. Christoph Kirchberger erwartet sich von der Politik in den kommenden Jahren ein Umdenken und einen Umbau des Förderungssystems zu Gunsten der Generationen: Es gibt ja auch Konzepte, dass Studenten bei alten Personen wohnen, denen den Einkauf erledigen und sonstiges und dadurch günstigen Wohnraum bekommen, und die Alten dann keine 24-Stunden-Betreuung benötigen."

Prävention und länger Arbeiten - darüber soll nicht nur am Frühstückstisch in der Wohngemeinschaft diskutiert werden, mahnt auch Georg Ziniel, Geschäftsführer der staatlichen Forschungseinrichtung "Gesundheit Österreich" Reformen ein: "Für den Umgang mit Demenz sind die wenigsten europäischen Länder gerüstet. Aber speziell Österreich auch nicht."