Das Hörspieljahr 2015

17 Neuproduktionen standen zur Wahl für das Hörspiel des Jahres 2015. Das Spektrum reichte von Klassikern wie "Kaiser Joseph II. und die Bahnwärterstochter" von Fritz von Herzmanovsky-Orlando bis zu zeitgenössischen Hörspielen wie "Neues Leben im falschen" von Robert Woelfl.

Aufgeklebter Zettel "Achtung Aufnahme"

ORF

Über 100.000 Wahlberechtigte

Zum bereits 23. Mal waren Sie, das Ö1 Publikum, eingeladen, das "Hörspiel des Jahres" zu wählen. Wahlberechtigt waren mehr als 100.000 Hörerinnen und Hörer, die Woche für Woche den Hörspielen auf Ö1 folgen. Sei es im "Hörspiel-Studio" am Dienstagabend oder in der "Hörspiel-Galerie" am Samstagnachmittag.

Und das ist Ihre Entscheidung:

Hörspielpreis der Kritik

Der zum neunten Mal vergebene Hörspielpreis der Kritik geht an Hornissengedächtnis von David Zane Mairowitz.

Margarete Affenzeller ("Der Standard"), Frido Hütter ("Kleine Zeitung"), Hedwig Kainberger ("Salzburger Nachrichten") und Norbert Mayer ("Die Presse") zeichneten das ihrer Ansicht nach „künstlerisch anspruchsvollste und ansprechendste“ Hörspiel des Jahres aus.

"Hornissengedächtnis" von David Zane Mairowitz, der auch Regie führte, erzählt aus permanent wechselnden Perspektiven die Geschichte eines entfremdeten Paares (Erni Mangold/Gerti Drassl und Hans-Michael Rehberg/Alexander Scheer), das versucht, jeweils die Deutungshoheit über all das Vergangene zu erlangen, das mehr als ein halbes Jahrhundert zurückliegt und sie damals entzweite. Die Enkelin (Pippa Galli) dieses jüdischen Paares, das vor den Nazis aus Frankreich in die Schweiz flüchten konnte, wirkt als Vermittlerin.

Die Hörspiele im Überblick

Wie kaum eine andere Kunstform kann das Hörspiel Privates zur Darstellung bringen, ohne voyeuristisch zu wirken. Diese Stärke des Genres zeigt sich in mehreren neuen Produktionen: In dem Hörspiel "Zu nahe" der oberösterreichischen Autorin Elisa Minth beschreibt diese die Beziehung zweier Zwillingsschwestern. Gemeinsame embryonale Zeit, verknüpfte Identitätsbildung, verknotetes Bewusstsein - die Ich-Bildung vollzieht sich später als bei Einzelgeborenen und mit Schmerzen und Konflikten, die beiden Schwestern waren sich immer "zu nahe". Die Schwierigkeiten, seine eigene Identität zu entwickeln, die Probleme mit Eigen- und Fremdbild waren auch Thema von Produktionen wie "Dürre Jahre" von Helene Flöss, "Wer bist du? " von Dieter Sperl, "Drei Schwestern auf Urlaub von Pia Hierzegger", "ER+ICH: Leichenschmaus für Erich" von Helmut Hostnig oder "Neues Leben im falschen" von Robert Woelfl. Während uns das Hörspiel "Dürre Jahre", produziert im Landesstudio Tirol, eindringlich die Situation eines jungen magersüchtigen Mädchens vermittelte, reflektierte die Schauspielerin, Autorin und Regisseurin Pia Hierzegger mit "Drei Schwestern auf Urlaub" durchaus ironisierend das Leben dreier Frauen Mitte 30.

Zwei Hörspielprojekte, die in Koproduktion mit dem NDR bzw. dem Deutschlandradio Kultur entstanden sind, führen uns in das Wien des Fin de Siècle: "Später Ruhm", die 2013 in Cambridge aufgefundene, ursprünglich verschollen geglaubte frühe Novelle Arthur Schnitzlers ist ein Porträt der literarischen Wiener Bohème. In diesem Hörspiel werden auch Ängste und Zweifel des 32-jährigen Arthur Schnitzler an seiner literarischen Kompetenz deutlich. Noch stärker autobiografisch ist der Hörspielzweiteiler "Eine Wiener Romanze" von David Vogel. Der 1910, im Original in Hebräisch geschriebene Roman des aus der Ukraine stammenden Autors, der ebenfalls wie Schnitzlers "Später Ruhm" erst vor wenigen Jahren wieder entdeckt wurde, thematisiert Jugendkult und Urbanität, den Verfall von Idealen und den bevorstehenden Niedergang eines großen Reiches.

Nicht im Studio, sondern an Original-Hörplätzen entstand "Sieben Leben", das vierte Hörspiel der jungen österreichischen Autorin Magda Woitzuck, "eine Fabel mit vier Katzen, zwei Menschen und einem weißen Klavier", realisiert im Surround-Sound von Peter Kaizar. Dokumentarischen Charakter hatten das Hörstück "Wer bist du? " von Dieter Sperl, er stellte 28 Menschen unterschiedlicher Berufe und Berufungen diese eine einzige Frage - ohne zeitliche oder inhaltliche Beschränkung und "Made in Austria" von Rosemarie Poiarkov und Oleg Soulimenko. Hier erzählten sechs Menschen mit unterschiedlichen kulturellen Hintergründen, warum sie Österreich zu ihrer Wahlheimat gemacht haben und hier glücklich sind.

Außergewöhnlich von Besetzung und Ausmaß war der Radiokrimi "Ein dickes Fell" von Heinrich Steinfest, ein Krimi-Dreiteiler mit bekannten Stimmen in ungewöhnlichen Rollen wie z.B. Anne Bennent als Auftragsmörderin oder Gerti Drassl als ihr behinderter Sohn. Bewährter Erzähler war Wolfram Berger, der für Ö1 auch "Kaiser Joseph II. und die Bahnwärterstochter" von Fritz von Herzmanovsky-Orlando aufgenommen hat, "ein parodistisches Spiel mit Musik in einem Akt, ein Solo für zirka 57 Stimmen", alle dargeboten von Wolfram Berger selbst.

In Koproduktion mit der Anton Bruckner Privatuniversität in Linz hat das Landesstudio Oberösterreich das Hörspiel "Da will etwas Eigenes zu Wort und Weise kommen. Rilke im Gespräch mit jungen Künstlern" produziert, eine moderne Hörcollage auf Basis von Briefen des Dichters Rainer Maria Rilke. Direkte und indirekte Auswirkungen der Herrschaft der Nationalsozialisten dokumentierte das Hörspiel "Hornissengedächtnis" von David Zane Mairowitz. Ein einstiges Liebespaar hat fünfzig Jahre kein Wort mehr miteinander gesprochen, ihre Enkelin versucht das Unmögliche: zwischen den beiden zu vermitteln.