Friedrich Cerha

ORF/URSULA HUMMEL-BERGER

Immer offen für Neues

Friedrich Cerha zum 95er

Der Wiener Komponist und Dirigent Friedrich Cerha hat das Musikschaffen in Österreich nachhaltig geprägt - zu seinem 95. Geburtstag widmet Ö1 ihm mehrere Sendungen.

Friedrich Cerha

ORF/URSULA HUMMEL-BERGER

Dem regelmäßigen Gast von Konzerten Neuer Musik wirkt das gemeinsam altgewordene Paar vertraut - kaum eine relevante Veranstaltung, bei der es nicht anwesend ist, stets dezent im Hintergrund und aufmerksam zuhörend: Gertraud und Friedrich Cerha. Es ist schwer zu glauben, dass der Doyen der zeitgenössischen österreichischen Musik am 17. Februar 95 Jahre alt wird! Denn präsent, in persona und mit neuen Werken, die in ihrer Frische überraschen, ist er nach wie vor.

Meilenstein "Spiegel"

Der Komponist, Geiger, Dirigent und bildende Künstler hat durch seine kontinuierliche Arbeit über die Jahrzehnte hinweg, etwa mit seinem Ensemble die reihe (1958 bis 2019, mit Kurt Schwertsik), dem zeitgenössischen Musikschaffen in Österreich zu einem lebendigen und professionellen Umfeld verholfen. Seine Kompositionen für unterschiedliche Genres haben von Beginn an eine persönliche Handschrift getragen, sich mit ihm verändert und weiterentwickelt.

Als Meilenstein der (österreichischen) Musikgeschichte gilt sein großer Klangflächen-Orchesterzyklus "Spiegel" (1960/61), der in seiner eigenen Kompositionsarbeit "End- und Höhepunkt einer Entwicklung (ist), die zu einer Loslösung meiner Sprache von traditionellen rhythmischen, melodischen und harmonischen Formulierungen geführt hat". Cerha hält fest, dass "die individuelle Stimme an Gesicht und Gewicht (verliert), - Massenereignisse dominieren".

Symbiose auf vielen Ebenen

Als Widerstandskämpfer und Deserteur im Zweiten Weltkrieg ist er von Jugend an ein politisch denkender und agierender Mensch, was sich auch in seinem künstlerischen Schaffen, etwa in der Auswahl seiner Textvorlagen, niedergeschlagen hat. Ab 1946 studierte Cerha an der Wiener Musikakademie Violine, Komposition und Musikerziehung und an der Universität Musikwissenschaft, Germanistik und Philosophie. An der Akademie lernte er seine spätere Frau Gertraud kennen, die ihm seither gleichermaßen Stütze und Korrektiv ist. Sie organisierte die Auftritte des Ensembles die reihe und dessen Bewerbung, und verfasste Texte zu den Kompositionen Cerhas und anderer. Eine Symbiose auf vielen Ebenen, wie sie nur selten zu finden ist.

Cerha hat sich schon früh mit Freunden und Weggefährten aus verschiedenen Kunstbereichen umgeben und den Austausch gesucht. So verkehrte er etwa im legendären "Strohkoffer" des Art-Club, dem avantgardistische Maler sowie Literaten aus der Wiener Gruppe angehörten. Auf die kurzen, prägnanten, oft politischen und auch humorvollen Texte und deren Vertreter Ernst Jandl, Gerhard Rühm oder Konrad Beyer in den 1950er Jahren komponierte er später 61 Miniaturen mit dem Titel "Eine Art Chansons".

Zeitlose Fragen

Internationales Renommee erlangte Friedrich Cerha schließlich durch die Komplettierung des dritten Akts von Alban Bergs Oper "Lulu", deren Uraufführung in Paris 1979 große Aufmerksamkeit erregte. Es folgten eigene Opern wie "Baal" nach Bertolt Brecht (Salzburger Festspiele 1981), "Der Rattenfänger" (steirischer herbst 1987), "Der Riese vom Steinfeld" auf ein Libretto von Peter Turrini (Wiener Staatsoper 2002) und zuletzt die komische Oper "Onkel Präsident" (Prinzregententheater München 2013). Die Werke thematisieren die zeitlosen Fragen unserer Gesellschaft, jene nach dem Verhältnis zwischen Kollektiv und Individuum.

In einem Interview anlässlich seines 80. Geburtstags konstatierte Friedrich Cerha, er habe sich "von einem Avantgardisten zu einem Unangepassten entwickelt" und meinte schelmisch: "Ich hab’ mich auf meinem Platz zwischen den Stühlen immer sehr wohl gefühlt."

Service

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Gestaltung

  • Marie-Therese Rudolph

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