Das besondere Mahler-Jahr in Ö1

2010 und 2011 sind Gustav-Mahler-Gedenkjahre. 1860 wurde Mahler geboren. Er wurde zum Dirigenten-Jungstar, zum innovativsten Wiener Operndirektor und als Komponist zum Zeitgenossen der Zukunft. 1911 starb er als inoffizieller Generalmusikdirektor der Welt. Ö1 widmet dem Rastlosen einen Schwerpunkt.

Das Radio vermag heute, wovon Spitzenmusiker vor hundert Jahren nur träumten. Gustav Mahler (1860- 1911) zum Beispiel, der Zeitgenosse der Zukunft (so einer der ersten Großbiografen, Kurt Blaukopf), hätte zur Wiedergabe seiner Ideen wohl gern Riesenlautsprecher, Digitaltechnik und spontane Musikverfügbarkeit auch in Dutzenden an Vergleichsaufnahmen gehabt. Er komponierte seine Monsterdramen, genannt Symphonien, und Liederzyklen noch für Orchester und Stimmen in herkömmlicher Ausführung, modern gesagt: analog.

Ö1 leistet sich in den aktuellen Mahler-Doppeljahren Mahlers Desideratum. Die Klangvorstellungen und Symphonie-Wolken, seine zumeist wie ein Hadesweg verlaufenden Lieder und die immer wieder neue oder neu versuchte Musik als Konsequenz aus schon bestehender Musik, sie sind durch das Radio, vor dem Radio, mit dem Radio auch individuell in einer Art nachvollziehbar, wie das selbst ein Gustav Mahler nie hören durfte. Allein, es hätte ihm wahrscheinlich (sicher?) gefallen; er hätte möglicherweise sogar gleich das Angebot gemacht, ja die Forderung aufgestellt, sich so nun erst wirklich in seiner Musik tragen zu lassen, durch sie verstört zu werden, aufgehoben und kurzfristig der Realität enthoben.

Mahler. Mahler-Jahre. Und sein Vermächtnis ist trotz ungemein vielen und aufwendigen Produktionen, trotz eines Riesenschrifttums über ihn und seine Musik, gar kein sozusagen gesicherter Bestand.

Brutal und weinerlich

Das ist jemand, der nur 51 Jahre alt wurde, der einen Teil der Musikwelt niedergerissen hat und in den Ruinen Baustellen errichtete. Das ist einer, der gegen sich selbst immer brutaler und zugleich weinerlicher wurde. Eine kompositorische Explosion und Implosion zugleich. Die permanent angezettelte Revolution am Konzertdirigentenpult und im Operngraben. Da war jemand zu oft an der Schwelle - musikalisch aber nie so einfach drüberspringend.

Als Mensch suchend, vor allem Weggabelungen suchend. Als Mann ein homme à femmes von Graden und schließlich auf Sonderwegen. Als Neu-Komponist in höchster Selbstausbeutung, Wiederverwertung, Hypertrophie und Zweifeln arbeitend - nein, nur so existieren könnend; aber das erst als Erwachsener.

Eine Höchstbegabung und doch kein Wunderkind. Dann ein europäischer Musikbegriff, bald Mentor und Feind, ein Alpha-Tier per se, nie aus dem Schwärmen herausgekommen, versteckt staunend.

Zuchtmeister mittels Orthodoxie

Er sah sich - bewusst und zu Recht und zu Unrecht - kompositorisch als Endpunkt in der nun schon 800-jährigen Erfolgsgeschichte namens europäische Tonalität. Zugleich aber empfand er sich als Neuformulierer für das, was man mit Musik sonst noch alles so anstellen kann. Er war konservativ und ein selbsternannter, selbst sich so einschätzender Weiterführer der Wiener Klassik und der Wiener Romantik.

Mahler - der Symphoniker und der Liederschreiber. Gustav Mahler, der Fortschrittliche, aber zugleich der Zuchtmeister mittels Orthodoxie. Und - wie begegnet man im Radio solchen Vorstellungen, Anforderungen und 100-jährigen Avantgardismen?

Wichtige Konzerte in Ö1

Selbstverständlich überträgt Ö1 wichtige Konzerte in diesen Monaten und während der Festspiele, vermittelt Zugänge und die Neu-Interpretationen etwa durch sein RSO Wien. Aber es wird zudem - radiophon - ein Mahler-Jahr der besonderen Art offeriert. Ein verschobenes. Ein Dutzend an unterschiedlichen Großsendungen ist geplant, verlaufend vom Geburtstagsmonat Juli bis zum Sterbemonat im Mai darauf, jeweils gestaltet als ein Sonntagabend-Musikprogramm. Im Zentrum: immer ein Großwerk (eine Symphonie oder ein Liederzyklus) in besonders prägnanter oder gar ausgefallener Interpretation; dazu zum Vergleich Ausschnitte aus anderen, vielleicht sogar recht unterschiedlichen Produktionen.

Es ist an Live-Gäste im Studio und an Vermittlung von Mahler-Aktualitäten gedacht. Und es wird mit prägnanten Passagen die sonstige Musik der Zeit quasi zum Gegen-Hören präsentiert (arbeitete doch Mahler in einer Musikepoche einer rasend wachsenden Unterhaltungsindustrie, zugleich in einer von Spätromantik zwischen Bruckner, Brahms, Wolf und Strauss geprägten und - von ihm übrigens mit Interesse verfolgten - mit Novitäten eines Schönberg).

Literaturbögen unsprachlich vertont

Mahler hat mit Klangballungen, mit Fernorchestern, mit neu definierten Großformen experimentiert. Er hat im Lied von der Erde den Exotismus auf seine Weise formuliert, in den frühen Symphonien riesige Literaturbögen unsprachlich vertont, in seiner Achten die Grenzen von Massenmusik neu definiert oder in der Neunten/Zehnten sich vor der Atonalität hinpositioniert.

Mahler verkomponierte zugleich aber immer auch sein eigenes Leben, die Eindrücke (von Militaria bis zum Volkston) seiner Jugend, die Liebe, Ehe und Katastrophen zu und mit seiner Frau Alma, Familiär-Privates in den jeweiligen Lieder-Zyklen. Er formulierte Bekenntnismusik und harschen Gotteszweifel am Schluss. Aber er setzte auch seine Lektüre in Töne, diejenige der Dramen, aus Epen gezogen, eine von "Des Knaben Wunderhorn", den Rückert-Gedichten, dem Nietzsche-"Zarathustra" oder dem Goethe-"Faust".

Dirigenten-Jungstar

Er war ein Dirigenten-Jungstar, dann der innovativste Wiener Operndirektor bis heute und ein Pultmagier, der diese Künstlerspezies erst wirklich begründet hat; und dann wurde er gar (nach seinem Hinausschmiss aus Wien, 1907, und nach den immer mehr wachsenden antimodernistischen und antisemitischen Anfeindungen) zwischen Deutschland, Paris und vor allem Amerika so etwas wie der erste Generalmusikdirektor der Welt.

Ö1 widmet dieser Vielfalt viele Abende. Bewusst wird nicht chronologisch vorgegangen, sondern kapitelweise nach verschiedenen Inhalten. Im Juli (am 4., ab 19:30 Uhr - also drei Tage vor dem Geburtstag) hebt alles an, mit der Siebenten und der Frage nach Jugendstil und Hypertrophie. Die August-Sendung am 8. besucht den "fahrenden Gesellen" und die daraus komponierte Erste. Im September (5.) geht es um den Torso der Zehnten und um die legendäre Alma, die ihn antrieb und beinahe vernichtet hat.

Am 3. Oktober steht die sogenannte "Tragische", Mahlers Sechste, am Programm, wo mit Hammerschlägen das Schicksal beschrieben beziehungsweise herausgefordert wird. Am 7. November folgt "Das Lied von der Erde" in Aufnahmen aus über 60 Jahren. In den Monaten darauf werden die himmlischen Freuden der Vierten zu Gehör kommen, oder die "Prometheus"-Musik einer nur scheinbaren Natursymphonie, die der Dritten (noch allemal die längste Symphonie im gängigen Repertoire), oder Selbstmord- und Auferstehungsfantasien in der Zweiten. Und so fort.

Die Bühne revolutioniert

Mahler - der musikalische Jungmanager und der kleine, kranke, gebrochene Mann seiner letzten Monate, der nervöse, die Bühne revolutionierende Opernchef und der kauzige Naturfreak, der stete Zweifler am eigenen kompositorischen Werk und ein selbsternannter Dichter oft höchst seltsamer, manchmal sogar kindischer Lyrik.

Sein Schüler, Assistent und Propagator Bruno Walter sagte einmal: "Da war ein Mann, der kannte keinen trivialen Augenblick, der dachte keinen Gedanken und sprach kein Wort, die Verrat an seiner Seele bedeutet hätten."

Und Alma formulierte in einem Nachruf Bezeichnendes: "Mahler hat ( … ) der Musik einen ganz neuen Wert entdeckt: den ethisch-mystischen Menschen. Er hat die musikalische Darstellungswelt, die bis dahin Liebe, Krieg, Religion, Natur, Humanität zum Inhalt hatte, um den einsamen Menschen bereichert, der unerlöst auf dieser Erde durch das Universum kreist, um das verlassene Kind, das stillversunken im dämmernden Grün seines Vaters harrt. Er hat die Dostojewski-Frage an das Leben musiziert: 'Wie kann ich denn glücklich sein, wenn irgendwo ein anderes Geschöpf noch leidet?'"

Das spezielle Mahler-Jahr von Ö1 wird solchen Urteilen sehr oft nachgehen.

Service

Otto Brusatti, "Mahler x 100 - Von Alma bis Zemlinsky", echoVerlag,