Noch bis zu 90 Prozent des Schlamms im Becken
Angst vor Giftstaub und neuem Dammbruch
Die von der Schlammflut verwüstete ungarische Ortschaft Kolontar muss mit einem weiteren Dammbruch rechnen, sagt der ungarische Umweltminister. Die neuen Risse im Damm hätten sich zwar nicht vergrößert, das sei allerdings nur eine Frage der Zeit. Der Rotschlamm hat sich mittlerweile in giftigen Staub verwandelt und bereitet den Menschen zusätzlich Sorgen.
8. April 2017, 21:58
Morgenjournal, 11.10.2010
"Neuerlicher Dammbruch unausweichlich"
Knapp eine Woche nach dem Chemieunfall in Ungarn bereitet sich der dortige Katastrophenschutz mit Schutzwällen und einem Damm auf eine zweite Giftschlammlawine vor. Der Damm eines weiteren Deponiebeckens werde unausweichlich brechen, und eine neue Welle werde den Ort Kolontar treffen, sagte Umweltstaatssekretär Zoltan Illes am Sonntag. Die jüngst festgestellten Risse in der Nordwand des Beckens hätten sich nur vorübergehend wegen günstiger Wetterbedingungen nicht vergrößert.
Wettlauf mit der Zeit
Im Kolontar läuft zurzeit ein Wettlauf mit der Zeit. Laut Behörden scheint ein weiterer Dammbruch unabwendbar zu sein. Vor Kolontar wird an der 400m langen Schutzmauer gearbeitet. Aber niemand weiß wie lange der nördliche Damm des Schlammbeckens noch hält.
Mittagsjournal, 11.10.2010
Aus Kolontar, Johann Puntigam
Schlamm wird zu Giftstaub
In der Sonne trocknet der Rotschlamm schnell und verwandelt sich in giftigen Staub. Mit Spritzwagen wird versucht, zumindest die Straßen feucht zu halten, damit der Staub nicht aufgewirbelt wird. Wie sich dieser mit Quecksilber, Arsen und Chrom vergiftete Staub auf die Gesundheit auswirkt, weiß niemand genau. Viele Menschen tragen daher Schutzmasken.
650 Meter langer Schutzdamm für Kolontar
Ingenieure erklärten zwar, dass sich keine neuen Risse gebildet hätten. Dennoch wollte der Katastrophenschutz die Warnungen nicht zurücknehmen. "Ich würde die Lage als hoffnungsvoll bezeichnen, aber nichts hat sich wirklich verändert", sagte ein Sprecher. Ältere Risse werden demnach zurzeit repariert, außerdem werden zusätzliche Schutzwände um das Becken errichtet. Ein 650 Meter langer Damm soll die nicht direkt von der Schlammwelle getroffenen Ortsteile von Kolontar abschirmen. Er soll Montagabend fertig sein, aber es wird wohl noch mehrere Tage dauern, bis die Bewohner in ihre Häuser zurückkehren können.
"Dafür wird sich jemand zu verantworten haben"
Der Aluminiumfirma MAL zufolge, der das Werk gehört, befinden sich noch 90 Prozent des Rotschlamms im Sammelbecken. Das Unternehmen hat Vorwürfe zurückgewiesen, dass es stärkere Vorsichtsmaßnahmen hätte treffen müssen. Die Ermittlungsbehörden beschlagnahmten inzwischen Unterlagen und gehen dem Verdacht der Fahrlässigkeit nach. Erste Zeugen wurden befragt. Ministerpräsident Orban sagte bei einem Besuch, das Unglück hätte vermieden werden können. Es müsse "menschliches Versagen und Fehler" gegeben haben. Er kündigte ernste rechtliche Konsequenzen an und betonte: "Dafür wird sich jemand zu verantworten haben."
Fast 70 Millionen Euro Strafe
Die Betreiberfirma der Aluminiumhütte in Ungarn hat am Sonntag den Hinterbliebenen der sieben Opfer ihr Beileid ausgesprochen. Auch den Verletzten sprach das Unternehmen sein Bedauern aus und entschuldigte sich dafür, dies erst so viele Tage nach dem Unglück getan zu haben. Die Firma MAL erklärte sich bereit, "im Verhältnis zu seiner Verantwortung" Schadenersatz zu leisten. Die Höhe des Sachschadens ist noch nicht absehbar, weil nach Einschätzung von Experten ein weiterer Dammbruch und damit eine neue Giftflut droht. Der ungarische Umweltstaatssekretär Zoltan Illes sagte, allein die Geldstrafen für Schäden an Wasserwegen und Umwelt machen bereits 19,2 Milliarden Forint (69,7 Millionen Euro) aus.
